Nachhaltiger Tourismus: Details, bitte!

Nachhaltiger Tourismus: Details, bitte!

Sanfter Tourismus, Ökotourismus, Community-based Tourism, Slow Travel und nachhaltiger Tourismus sind sicherlich alles Begriffe, die du mit Sicherheit schon einmal gehört hast. Sie bezeichnen Tourismusformen, die sich vom Massentourismus absetzen möchten, um Natur und Kultur zu bewahren. In diesem Artikel zeige ich auf, was ein nachhaltiger Tourismus leisten muss, welche alternativen Formen sich entwickelt haben, was den „modernen“ nachhaltigen Tourismus kennzeichnet und wie du ihn erkennst.

Mit dem Adjektiv nachhaltig wird heutzutage geradezu um sich geworfen. Um dem nachhaltigen Tourismus auf die Schliche zu kommen, beleuchte ich in zwei Artikeln diesen inzwischen so großen Wirtschaftszweig einmal näher. So gewinnst du ein tieferes Verständnis davon, was nachhaltigen Tourismus ausmacht bzw. ausmachen sollte. Viel Spaß nun mit dem zweiten Teil: Nachhaltiger Tourismus und wie du ihn erkennst.

Warum braucht es nachhaltigen Tourismus?

Im vorgegangenen Blogbeitrag zum Tourismus habe ich für dich den Tourismus als Wirtschaftsform beleuchtet, um dein Verständnis für den Tourismus zu schärfen. In diesem neuen Artikel steht nachhaltiger Tourismus im Fokus, denn dieser verspricht Lösungen für viele Problemstellungen. Wir machen nun also losgelöst von den vielen genannten Herausforderungen aus dem ersten Artikel zwei Ebenen auf: die lokale und die globale. Beginnen wir mit der globalen Ebene.

Wie jeder andere Wirtschaftszweig muss auch im Tourismus der Spagat geschafft werden, innerhalb der planetaren Grenzen zu arbeiten, um die menschlichen Lebensgrundlagen sicherzustellen und die drohende Klimakrise abzuwenden. Wir brauchen gesunde Böden, frisches Wasser und saubere Luft für uns und kommende Generationen. Das sollte für jeden verständlich sein.

Im 2009 erstmals veröffentlichten Konzept der planetaren Grenzen (Science Mag) werden ökologische Belastungsgrenzen (Wikipedia) des gesamten Planeten ausgewiesen, deren Überschreitung das Überleben der menschlichen Zivilisation gefährdet. Auf dieser Grundlage wurde das Pariser Klimaabkommen (Wikipedia) mit dem Zwei-Grad-Ziel als Leitplanke für politische und wirtschaftliche Entscheidungen beschlossen. Eine Erderwärmung über die 2°C hinaus im Vergleich zur vorindustriellen Zeit führt zum Überschreiten sogenannter Kipppunkte im Klimasystem (Wikipedia). Forscher*innen sind sich einig, dass die Überschreitung irreversible Veränderungen an jedem Ort der Erde hervorruft.


Der Tourismus befindet sich in dem Dilemma, dass er direkt und indirekt dazu beiträgt, die planetaren Grenzen zu überschreiten. Man könnte zugespitzt sagen, der Tourismus zerstöre seine eigenen Grundlagen (Neue Zürcher Zeitung). Laut Umweltbundesamt macht er 5% der menschengemachten CO2-Emissionen aus, der Flugverkehr bleibt noch auf Jahrzehnte ein Klimasünder (Initiative System Change not Climate Change) und ein ungezügelter Tourismus verbraucht viel zu viele Ressourcen (tourism-watch) – sowohl die eigenen vor Ort als auch importierte – in Form von Energie, Land, Nahrung und Wasser.

Damit sind wir auch bereits auf lokaler Ebene angelangt. Der Tourismus in den einzelnen Destinationen verändert sich mit Blick auf das gesamte 21. Jahrhundert zusehends: Die Wintersportsaison verkürzt sich, der Strandurlaub wird im Hochsommer unerträglich heiß – bzw. in manchen Gebieten sogar erst möglich! – und die touristische Infrastruktur an den Küsten ist vom Meerespiegelanstieg bedroht. Auf der Seite von Klimafakten.de findest du für sechs Tourismusarten kurz und knapp die Folgen für den Tourismus (Klimafakten.de) zusammengetragen.

Es gibt also ein stark wachsendes Interesse daran, die Tourismuswirtschaft im Sinne der bevorstehenden Klimaveränderungen zu lenken. Im Zusammenspiel mit Generationengerechtigkeit und gleichen Entwicklungschancen für alle Länder wird so das – zugegebenermaßen sehr unscharfe – Konzept der nachhaltigen Entwicklung (Bundesanstalt für politischen Bildung) zum Leitbild. Nachhaltiger Tourismus ist demnach mehr eine Vision und Forderung an alle Tourismusformen.

Was muss nachhaltiger Tourismus leisten?

Ein nachhaltiger Tourismus ist eine Forderung. Eine jede Tourismusform sollte sich an dieser Schablone, Vision und (An-)Forderung, messen lassen, denn ein Business-as-usual bringt die Menschheit auf diesem Planeten in ernsthafte Gefahr. In diesem Abschnitt geht es also darum, uns eine geistige Schablone zu erstellen. Und das ist gar nicht so einfach. Schauen wir uns zunächst theoretische Anforderungen und daraufhin praktische Problemfelder an.

Grundsätze der Nachhaltigkeit

Um nachhaltigen Tourismus und seine Ausprägungen besser einzuordnen, können wir uns zunächst mit Nachhaltigkeitsgrundsätzen (Syonyme: Prinzipien, Maximen) beschäftigen. Ich mache diese an einem beispielhaften Skigebiet namens Erdinghausen greifbar.

  1. Die Ausrichtung nach dem Effizienzprinzip bedeutet, den gleichen Output bei weniger Ressourceneinsatz zu generieren. Beispielhaft bedeutet es, dass ich die Energieversorgung meiner Liftbetriebe in Erdinghausen auf Solarenergie umstelle.
  2. Die Anwendung nach dem Konsistenzprinzip bringt einher, dass ich mich an natürlichen Prozessen und Kreisläufen orientiere. Die Leistungen der Ökosysteme werden verträglich genutzt. Bekannt ist das Prinzip vor allem unter den Begriffen Cradle-to-Cradle bzw. Kreislaufwirtschaft. Im Winterparadies Erdinghausen achte ich somit konsequent auf die Wiederverwendung aller Materialien (Abfall, Baustoffe etc.).
  3. Eine strikte Auslegung der Nachhaltigkeit findet sich im Subsistenzprinzip wieder – das heißt ich nutze meine Umwelt allein zur Sicherung des Lebensunterhaltes und zur Befriedigung der Grundbedürfnisse. Die Subsistenz zählt somit zum Paradigma der starken Nachhaltigkeit. In meinem Skigebiet Erdinghausen verzichte ich also auf Luxushotels und errichte stattdessen Herbergen.

Das Effizienz- und Konsistenzprinzip lassen sich dem Paradigma der schwachen Nachhaltigkeit zuzuordnen: Sach-, Human- und Naturkapital bleiben in einem System gleich und sind miteinander frei austauschbar. Sie finden sich konkret in den Ideen der New Green Economy (UNEP) wieder. Mit Hilfe von Effizienz und Kreislaufwirtschaft soll der Wohlstand – u.a. gemessen am BIP – weiter anwachsen und die Klimakatastrophe abgewandt werden.

Auch das Subsistenzprinzip möchte die Klimakatastrophe verhindern. Hier geht man jedoch davon aus, dass nur eine geschrumpfte Industrie plus ergänzender Subsistenzwirtschaft genügt, um die Klimakatastrophe zu verhindern. Der Begriff ist wachstumkritisch und stammt aus der Post-Wachstums-Ökonomie (eigene Webseite) bzw. Degrowth-Bewegung (degrowth.info).

Anforderungen an einen nachhaltigen Tourismus

Kehren wir direkt zurück zum Tourismus. Die Entwicklung des nachhaltigen Tourismus begleitet u.a. Prof. Dr. Wolfgang Strasdas als Leiter des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus (ZENAT) an der Fachhochschule Eberswalde. Sie hat sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert. Prof. Strasdas definiert die Anforderungen an einen nachhaltigen Tourismus folgendermaßen:


Nachhaltiger Tourismus muss soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Verträglichkeitskriterien erfüllen. Er ist langfristig, d.h. in Bezug auf heutige wie auf zukünftige Generationen, ökologisch tragfähig, ethisch und sozial gerecht und kulturell angepasst sowie wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig.

Diese Definition wird dich nicht überraschen und ist auch nicht besonders einfallsreich. Ja, sie grenzt fast schon an Beliebigkeit. Was meint also Prof. Strasdas damit konkret? In seinem Lehrbuch „Nachhaltiger Tourismus“ hält er vier Anforderungen fest.

Ökologische Nachhaltigkeit

Tourismus muss ganz wesentlich klimaschonend sein. Energieeffizienz und Verkehrsmanagement sind dabei die größten Hebel. Die Auswirkungen auf die Biodiversität und Grundwasservorräte müssen minimiert und gemanaged werden. Die Aspekte ökologischer Nachhaltigkeit müssen dabei denen der ökonomischen und gesellschaftlichen vorangestellt sein, sonst gehen die Vorteile einer sensibleren Tourismusform verloren.

Die Aspekte ökologischer Nachhaltigkeit müssen denen der ökonomischen und gesellschaftlichen Nachhaltigkeit vorangestellt sein.

Soziale Nachhaltigkeit

Faire Arbeitsbedingungen und die Einhaltung von Menschenrechten entlang von Lieferketten müssen sichergestellt sein. Auch das Selbstbestimmungsrecht der Einheimischen muss gewahrt bleiben, trotz und wegen des besonderen Interesses an der Kultur. Der Tourismus darf nicht zum „Verfall“ von Sitten und Werten beitragen.

Ökonomische Nachhaltigkeit

Das wirtschaftliche Potenzial einer Region muss durch kurze und regionale Lieferketten genutzt werden. Es ergeben sich indirekt Einkommensmöglichkeiten und Arbeitsplätze sowie ein Beitrag zur Regionalentwicklung. Da der Preiskampf im Käufermarkt (in dem es mehr touristische Angebote als Nachfrage gibt) sehr stark ist, werden sich höhere Preise nur bei hoher Qualität durchsetzen.

Institutionelle Nachhaltigkeit

Für die weit verzweigte und kleinteilige Querschnittsbranche benötigt es große Kooperationsanstrengungen, damit ein Zielgebiet, die Destination, erfolgreich ist (mehr zu „Destinationen“ findest du im vorangegangen Beitrag). Die Bedürfnisse und Interessen regionaler, überregionaler und auch nicht-touristischer Akteure müssen in diese Anstrengungen mit eingeschlossen werden.

Die Problemfelder in der Übersicht

Jetzt machen wir die genannten Anforderungen etwas konkreter und praktischer. In den nun aufzuzählenden Problemfeldern finden wir immer wieder die zuvor genannten Aspekte ökologischer, sozialer, ökonomischer und institutioneller Anforderungen an eine nachhaltigen Tourismus wieder. Die Aspekte sind dabei nicht immer eindeutig zuzuordnen.

  • Viele Tourismusdestinationen sind einer wirtschaftlichen Saisonalität unterlegen. Darunter leiden mitunter die Beschäftigten, die sowieso niedrige Gehälter bezahlt bekommen.
  • Marktmonopole im Buchungssystem, Transportwesen oder in der Hotellerie können ganze Wertschöpfungsketten übernehmen und dominieren.
  • Eine große Marktmacht kann zu Sickereffekten führen, d.h. das Einnahmen ins Ausland abfließen.
  • Tourismusentwicklung ohne längerfristige Planung kann zu wirtschaftlichen Monostrukturen führen, die krisenanfällig sind und die Entwicklung anderer Strukturen be- oder verhindert.
  • Eine schlechte Planung erlaubt auch kein Verhindern von Overtourism, wenn die Anzahl von Touristen im Vergleich zur verfügbaren Fläche und Anwohnern zu hoch wird.
  • Entlang von Wertschöpfungsketten kann es zu Menschenrechtsverletzungen kommen.
  • Reisen trägt zu klimaschädlichen CO2-Emissionen bei.
  • Es kommt zu regionaler Belastung tourismusrelevanter Ressourcen durch Grundwasserentnahme und Abwasserentsorgung, Nahrungsmittelkonsum, Müllproduktion, Bodenversiegelung und veränderter Landnutzung, Verlust von Tier- und Pflanzenarten (Biodiversitätsverlust) sowie Lärmemissionen.

Die beiden letztgenannten Punkte der Emissionen und Ressourcen möchte ich noch einmal aufgreifen: Nachhaltiger Tourismus erfordert, dass die Aspekte ökologischer Nachhaltigkeit vorangestellt sein müssen. Warum? Weil der Tourismus auf einer intakten Natur beruht. Die Geographie einer Destination bestimmt die wesentliche Tourismusformen, doch der Tourismus hat die Möglichkeit, diese Grundlage zu verändern: Auf globaler (Klimakatastrophe, Meeresspiegelanstieg, etc.) und lokaler Ebene (Biodiversität, verfügbares Wasser, Flächenverbrauch etc.).

Wir sind zum ersten Mal im Tourismus an einem Punkt, wo es tatsächlich zu viel wird. Einzelne Destinationen fangen an, ihn zu hinterfragen: Barcelona, Venedig – dort gibt es massiven Widerstand gegen den Übertourismus. Die Städte sind nicht mehr lebenswert.“

 Stefan Gössling, Professor für Tourismusforschung und Humanökologie an den schwedischen Universitäten Linnaeus und Lund im Podcast mit Deutschlandfunk Kultur

Die folgende Tabelle des Umweltbundesamts weist anhand einiger messbarer Faktoren die ungefähre Umweltbelastung touristischer Aktivitäten aus. Daraus geht hervor, dass An- und Abreisen, gefolgt von der Beherbung, die weltweite Klimakatastrophe am stärksten befeuern. Die Beherbergung beeinträchtigt darüber hinaus die Destination am stärksten. Beachte: Das ist eine grobe Schätzung und kann sich in den jeweiligen Fällen deiner eigenen Reise stark unterscheiden.

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Formen des nachhaltigen Tourismus

Jetzt wissen wir also, warum es nachhaltigen Tourismus braucht und welchen Anforderungen er gerecht werden muss. Die Problemfelder haben uns einen praktischen Einblick gegeben und darüber hinaus haben wir gesehen, welche Faktoren für die Umweltverträglichkeit einer Tourismusform auf globaler und lokaler Ebene maßgeblich sind. Daher können wir uns nun den verschiedenen Ausprägungsformen des nachhaltigen Tourismus widmen.

Nachhaltige Tourismus-Konzepte im Wandel der Zeit

Statt zu zerstören, soll er entwickeln: Der Tourismus von morgen. Seit den 1980ern – als der Tourismus längst zum Massenphänomen wurde – gibt es alternative Konzepte. Die dazugehörigen Begriffe sind nicht geschützt und begegnen uns deswegen meist völlig unreflektiert als Synonyme, aber natürlich gibt es dahinter eine Geschichte. Die folgende Liste ist nicht komplett, gibt aber eine annähernd zeitliche Entwicklung wieder:

Naturverbundener Tourismus

Den Begriff habe ich mir zwar ausgedacht, aber er umschreibt, was Alpen- und Wandervereine schon Ende des 18. Jahrhunderts versuchen: Der Tourismus wird mit Umweltbildung und Naturverliebtheit gefördert. Das Deutsche Jugendherbergswerk, viele Alpenvereine und ihre Hütten sowie Aussichtstürme stammen aus dieser Zeit.

Mit den heutigen Problemfeldern hat man es zu dieser Zeit kaum zu tun. Zeit in der Natur zu verbringen und sich zu erholen ist den Wohlhabenden vorbehalten. Wenn man also dieser Zeit etwas Negatives abgewinnen will, dann die soziale Ungerechtigkeit, die in dieser Zeit generell vorherrscht.

Man kann dieser frühen Entwicklung ein Subsistenzprinzip abgewinnen. Natürlich wird mit dem Bau von Hütten und Aussichtstürmen in die Natur eingegriffen, aber andererseits hätten ja auch auch Luxushütten entstehen können. Das stellt einen großen Kontrast zur heutigen touristischen Nutzung alpiner Gebiete dar, in denen gerne schon mal Chaletdörfer entstehen (SZ), die von den bis heute bestehenden Alpenvereinen kritisiert werden (DAV).

Sanfter Tourismus

Ab den 1980er Jahren wird der Begriff des sanften Tourismus geprägt. Der Urlaub soll die Umwelt bestmöglich schonen sowie die Bedürfnisse der Touristen mit denen der Einheimischen in Einklang bringen. Es geht um die Bewahrung traditioneller Kulturen, insbesondere im globalen Süden. Das Konzept stellt eine Nische dar und findet nur im deutschsprachigen Raum Anwendung.

Nichtsdestotrotz ist es die erste Nische, die nach der massentouristischen Entwicklung Ende des 20. Jahrhunderts entsteht. Die Idee ist unserem modernen Nachhaltigkeitsverständnis sogar sehr nah. Die damals bereits bekannten negativen Folgen sollten damit eingedämmt und verträglicher gemacht werden – für die Einheimischen und die Natur.

Ökotourismus

Vor dem weltpolitischen Hintergrund der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro im Jahr 1992 wurde das Konzept des Ökotourismus entwickelt. Gezielt sollen Einnahmen des Naturtourismus im globalen Süden Naturschutz und Armutsminderung vorantreiben.

Besonders hervorgetan hat sich der zentralamerikanische Staat Costa Rica, der sich vollends diesem Wirtschaftszweig verschrieben (Deutsche Welle) hat. Es hat sich eine ganze Industrie darum gebildet, die zeigt, dass es durchaus für alle vorteilhaft sein kann, die ökologischen Belange vor alle anderen zu stellen. Dazu gehört auch ein entsprechende Management (Bioökonomie.de) des Landes.

Ganz dem Namen verpflichtet wird hier die Ökologie großgeschrieben. Das Thema Biodiversität war damals auf der Tagesordnung und so wird bei dieser Form sicherlich gerne weggeschaut, wenn es um die klimaschädlichen Emissionen bei der An- und Abreise geht. Ohne die Einnahmen aus dem Tourismus, würde wie vielerorts auf dieser Welt wiederum die Natur ausgebeutet – Der faszinierende Virunga Nationalpark mit seinen gefährdeten Gorillas im Osten der Demokratischen Republik Kongo hätte sicherlich gerne mehr Touristen (Deutschlandfunk).

Community-Based Tourism

Ende der 1990er-Jahre gerät die Umwelt etwas aus dem Fokus und das Soziale sowie Wirtschaftliche übernehmen die Agenda. Um das Entwicklungs- und Armutsminderungspotenzial auszuschöpfen, sollen besonders in ländlichen Gegenden Unterbringungen und touristische Dienstleistungen bereitgestellt werden. Doch um für eine klamme Gemeinde wirklich wirksam zu sein, bräuchte es viele zahlungskräftige Kunden – die jedoch meist ausbleiben. Eine Studie legt nahe, dass deswegen die Wirtschaftlichkeit des Community-Based Tourism nicht gegeben ist (matadornetwork).

Pro-Poor Tourism

Interessant finde ich die Entstehung des Ansatzes „Pro-Poor Tourism“. Bis in die 1980er-Jahre war die Tourismusförderung Teil der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Als man jedoch feststellte, dass die Förderung des konventionellen Tourismus nicht die erwarteten Armutsminderungseffekte im globalen Süden mit sich brachte, wandte man sich davon ab. Um die Jahrtausendwende riefen dann wiederum die Vereinten Nationen unter dem Titel „Pro Poor – Sustainable Tourism“ (IIED) Entwicklungshilfeorganisationen dazu auf, nachhaltigen Tourismus zu fördern, was bis heute geschieht.

Nachhaltiger Tourismus seit 2010

Sprechen wir nun vom nachhaltigen Tourismus, wie er sich graduell seit der Jahrtausendwende entwickelt. Nachhaltiger Tourismus ist diesmal in aller Munde. Die Entwicklung hängt dabei sehr eng mit dem Lifestyle of Health and Sustainability (happycoffe Blog) – kurz LOHAS – zusammen. Es handelt sich dabei vorrangig um einen Konsumstil, der Gesundheit und Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt. Die Erkenntnisse der Wissenschaft zur Klimakatastrophe erhärten sich in den 2010er-Jahren und progressive, vor allem junge Gesellschaftsgruppen entwickeln eigene Lösungsansätze.

Die LOHAS auf dem Vormarsch

Kein Aspekt des Lebens bleibt nun unberührt und Nachhaltigkeit wird über die Jahre zum absoluten Trendsetter: Nachhaltige Geldanlagen, Studiengänge, Energie- und Lebensmittelproduktion, Nachhaltigkeitszertifikate, Fairer Handel, Sharing Economy und nachhaltiger Tourismus sind nur einige der vielen Aspekte. Bis zu einem Drittel der Gesellschaften der westlichen Welt (Wirtschaftslexikon) beschäftigen sich mehr oder weniger intensiv damit und werden zu den LOHAS gezählt.

Als LOHAS werden Personen bezeichnet, welche eine nachhaltigen Lebensstil pflegen und besonderen Wert auf die Aspekte Gesundheit, Umwelt und Soziales legen. Besonders ist, dass LOHAS den nachhaltigen Lebensstil nicht im Sinne von Verzicht interpretieren, sondern als guten und bewussten Konsum.

Gabler Wirtschaftslexikon

Für den Tourismus bedeutet dies, dass das individuelle, klimafreundliche, faire, menschenrechtskonforme und authentische Erlebnis gesucht wird. Und davon wird sehr viel gesucht, sodass von Degrowth (siehe Subsistenzprinzip weiter oben) keine Rede sein kann. Um die LOHAS-Kunden im Tourismus zu bedienen, gehen sämtliche touristische Anbieter wie Reiseveranstalter, Busunternehmen, Hotels und Destinationsmanagementorganisationen auf den Trend ein. Die Spanne reicht dabei von Green Washing über nett gemeint bis konsequent umgesetzt, aber dazu gleich mehr.

Value-to-Action Gap

Die Anzahl derer unter uns, die nachhaltig agieren wollen, ist nicht deckungsgleich mit denen, die es schlussendlich tun. Meine Einstellung korreliert also nicht mit meinen Handlungen. Dieser „Value-to-action gap“ wird schon seit Jahrzehnten untersucht und es gibt nur komplexe Antworten (siehe Bild unten). Ganz besonders interessant finde ich an dieser Darstellung, dass althergebrachte Verhaltensmuster wohl einen sehr großen Ausschlag dafür geben, warum wir uns nicht entsprechend unserer Werte verhalten.

Obwohl es weltweit Konsens ist, dass wir die Emission von Treibhausgasen reduzieren müssen und dies für Touristen hinlänglich bekannt ist, steigt der Anteil an Fernreisen (Tourismusanalyse) – der umweltschädlichsten aller Reisearten. Laut den Wissenschaftlern Diekmann und Preisendörfer handle ich vorrangig in Niedrigkostensituationen meinen Werten entsprechend: Ich verzichte auf einen Flug mit einer Low-Costa Airline nach Belgrad für ein Wochenende und fahre stattdessen mit dem Zug ins benachbarte Warschau. Meine Opportunitätskosten sind dafür recht gering. Auf den Flug nach Mexiko für meinen Jahresurlaub verzichte ich jedoch nicht.

So sehr ich es mir selbst wünsche, glaube ich nicht an einen Umkehrtrend im Flugverkehr. Auch die LOHAS – zu denen ich mich selbst auch zähle – scheinen den Trend nicht umzukehren. Mit 11% der Weltbevölkerung (Science) fliegen ein zu geringe Bevölkerungsanteil wenn ich gleichzeitig in Betracht ziehe, dass allein in den letzten 15 Jahren 1 Milliarde Menschen der Armut den Rücken gekehrt haben (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik).

Die angesprochenen Fernreisen mit den quasi-immanenten Flügen sind nur eines von mehreren Beispielen, an denen ich festhalte, dass es einen Vaue-to-Action Gap gibt, den anscheinend auch die LOHAS nicht schließen. Die meisten Touristen haben mindestens das Wissen über den Klimawandel, aber die entsprechende Handlung fehlt. Was der vielzitierte Titel „Grünenwähler fliegen am meisten“ aus dem Wahljahr 2019 übrigens wirklich hält, kannst du hier (Freitag) nachlesen.

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Wie erkenne ich heutzutage nachhaltigen Tourismus?

Jetzt wissen wir also über die Anforderungen und Problemfelder Bescheid und haben einige nachhaltige Tourismuskonzepte näher betrachtet. Nachhaltiger Tourismus scheint gefragt und überall zu finden zu sein, wobei vieles dem Touristen verborgen bleibt. Aber wie erkenne ih nun heute nachhaltigen Tourismus?

Man kann die Frage, wie man nachhaltigen Tourismus erkennt, auf verschiedene Weise beantworten. Ich habe mich dazu entschieden zuerst aufzuarbeiten, wie touristische Unternehmen mit Nachhaltigkeit umgehen und davon abgegrenzt wie Destinationen „nachhaltig“ gemanaged werden. Dabei behalte ich im Blick dir aufzuzeigen, woran du das erkennst. Zu guter Letzt beleuchte ich die für uns alle sehr sichtbaren Nachhaltigkeitsbewertungen.

Nachhaltiges Unternehmensmanagement im Tourismus

Unternehmensverantwortung ist eigentlich ein alter Hut, gab es doch schon selbstauferlegte Verhaltensweisen ehrbarer Kaufmänner vor hunderten Jahren. An der Selbstauferlegung hat sich bis heute kaum etwas geändert, denn sich nachhaltig zu verhalten beruht weiterhin auf dem Freiwilligkeitsprinzip. Es gibt jedoch weiche Faktoren, die Unternehmen dazu bringen, sich mit dem Konzept nachhaltiger Entwicklung zu beschäftigen.

Heutzutage fordern Globalisierung, eine kritische Öffentlichkeit und steigende Ansprüche von Kunden eine hohe Moral, Qualität und Transparenz von Unternehmen. Unternehmen sollen ihren ganz eigenen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Somit stehen touristische Dienstleister ganz besonders im Fokus eines nachhaltigen Tourismus.

Corporate Sustainability

Es ist für Außenstehende recht einfach, sich in einen Dschungel von Fachtermini unternehmerischer Verantwortung zu verlieren. Es sind zumal theoretische Diskussionen, die sich um Corporate Social Responsibility (CSR), Corporate Governance, Corporate Citizenship und weitere drehen. Die Diskussion möchte ich hier auch gar nicht aufmachen. Festzuhalten ist, dass in den letzten Jahren immer mehr Initiativen und Ideen entstanden, wie man Nachhaltigkeit managen kann.

Die Spanne unternehmerischen Handelns im Sinne von Nachhaltigkeit reicht von passivem gesellschaftlichem Engagement (Spenden an Kinderhospize) bis hin zur Geschäftsstrategie, die mit einem Nachhaltigeitsverständnis verzahnt ist. Diese kann sich nach außen hin in sehr aktiver politischer Gestaltungsarbeit ausdrücken.

Im Tourismus gibt es nachfolgend eine Liste von Nachhaltigkeitsaspekten. Jeder wird mit einer Frage aus Sicht des Touristen versehen, um den Aspekt anschaulicher zu gestalten.

  • Touristische Dienstleistungen beruhen mehrheitlich auf einer intakten Natur und Kultur. Dieses Gemeingut gilt es zu schützen. Wilde Tiere & Pflanzen werden Unternehmen nicht anklagen und schwächere Bevölkerungsgruppen sind meist nur eingeschränkt in der Lage, ihre Rechte durchzusetzen. Wie schützt und unterstützt der Safari-Reiseanbieter die Gemeingüter, auf die er als Grundlage zurückgreift?
  • Die Wertschöpfungsketten im Tourismus sind sehr lang und kleinteilig. Die touristischen Unternehmen müssen entlang der Wertschöpfungsketten verantwortungsvoll agieren. Wie wählt der Reiseveranstalter seine Hotels aus, in dem es Touristen unterbringt?
  • Tourismus hat einen sehr hohen Dienstleistungsanteil, welcher wiederum viel Personal bindet. Die Beschäftigungsverhältnisse sind oft prekär, saisonal und bieten wenig Aufstiegschancen. Wie stellt das Safariunternehmen ein gutes Gehalt der Rangerin oder des Kochs her, der uns vor wilden Tieren beschützt und uns bekocht?
  • Die stärkste Umweltbelastung von Reisen resultiert aus der Mobilität. Ist es ersichtlich, dass möglichst klimaschonende Mobilitätsformen eingesetzt werden?
  • Die negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen von Reisen treten nicht nur am Unternehmensstandort auf (familiengeführtes Hotel im Thüringer Wald) sondern an dem Ort, an dem eine Dienstleistung in Anspruch genommen wird (Dresdner Reisebüro). Wie versucht das familiengeführte Hotel seinen ökologischen Fußabdruck gering zu halten? Wie sichert der Reiseanbieter ab, dass mein Wasserverbrauch nicht zum Wassermangel an der spanischen Mittelmeerküste beiträgt?

Woran erkenne ich ein „nachhaltiges“ Unternehmen?

Woran erkennst du nun ein touristisches Unternehmen, dass es mit der Nachhaltigkeit ernst meint? Zunächst sollte es ein Nachhaltigkeitsverständnis haben, dass über die beliebige 3-Säulen-Definition von Ökologie, Soziales und Ökonomie hinausgeht. Ein solches Unternehmen hat das Nachhaltigkeitskonzept ganz konkret auf seine Tätigkeit definiert. Ein schlechtes Beispiel wäre ein Unternehmen, dass sich „einfach“ nur unreflektiert den Sustainable Development Goals (UN) der Vereinten Nationen oder dem 2°-Ziel (wissenschaftlicher Dienst des Bundestags) verpflichtet.

Es sollte demnach eindeutig hervorgehen, dass sich das Unternehmen der bedeutendsten negativen Auswirkungen seines Handelns bewusst ist. Solche Unternehmen verzichten auf eine aufgeplusterte Sprache und Marketing-Jargon mit unklaren Begriffen wie umweltschonend, umweltfreundlich und sozialverträglich. Nein, sie werden konkreter: Sie nennen Zahlen und Fakten, geben Belege, Eindrücke aus Projekten, zeigen Entwicklungsfortschritte und setzen sie in Relation.

Im Umkehrschluss muss ersichtlich sein, dass sich die Maßnahmen auf die Verminderung der größten Auswirkungen konzentrieren. Das kann für einen Wanderreiseanbieter in die rumänische Karpaten u.a. der Schutz der letzten wilden Bären sein. Ein Fernreiseanbieter verpflichtet hingegen u.a. zur Emissionskompensation und bietet möglichst nur Direktflüge an.

Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber die Frage lautet nun mal, wie man ein nachhaltig agierendes Unternehmen erkennt. Dass du auf diesen Artikel gestoßen bist und bis hierhin gelesen hast, verrät, dass du mit ziemlicher Sicherheit zu den LOHAS gezählt werden kannst. Also stelle dir doch für den nächsten gebuchten Urlaub die Frage:

Wie ernst meint es das Unternehmen mit seinen Maßnahmen, dessen Dienstleistungen ich in Anspruch nehme und dessen Produkte ich kaufe?

Nachhaltiges Destinationsmanagement

Auf Ebene der Destinationen (ein Landkreis, ein Naturraum, ein Bundesland) wird sich intensiv Gedanken dazu gemacht, wie das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung dazu beitragen kann, nachhaltigen Tourismus zu etablieren. In der Regel passiert das innerhalb von Destinationsmanagementorganisationen (DMOs),welche oft Bestandteil öffentlicher Verwaltungen, oder privatrechtlich organisiert sind.

Beispiele hierfür sind visitBerlin Tourismus & Kongress GmbH, der Tourismusverband Seenland-Oder-Spree (hier gibt es einen schönen Beitrag zu meiner Radtour durch das Seenland) oder die Schwarzwald Tourismus GmbH. Obwohl sie sich in ihren Rechten und Tätigkeiten unterscheiden,

  • arbeiten sie an Kooperationen zwischen den touristischen Leistungsträgern,
  • erstellen Tourismuskonzepte,
  • vermarkten touristische Dienstleistungen sowie die Region als Marke
  • und üben dabei oft öffentliche Aufträge aus.

An genau diesem Punkt, der Ausübung öffentlicher Aufträge, ergibt sich der Schnittpunkt mit dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung. Viele Regionen und Städte arbeiten selbst an der Umsetzung nachhaltiger Entwicklung, daher ist nur nachvollziehbar, dass ihre DMOs, denn das sind sie zumeist, ähnliches vollziehen.

Es gibt einerseits eine intrinsische Motivation für nachhaltigen Tourismus, denn welche politischen Ressorts möchten keine gut miteinander vernetzten Tourismusakteure und eine starke Regionalentwicklung? Ganz eindeutig spielt für mich auch die Absicht mit, sich von anderen Regionen abzugrenzen. Schließlich buhlen am Ende alle Akteure einer Destination um Kunden auf einem Wettbewerbsmarkt. Wer die Masse der LOHAS für sich gewinnen möchte, sollte auf Nachhaltigkeit setzen.

Wirkungsradius von DMOs

Die Aufgaben von DMOs ist wahrlich nicht einfach. Ohne Weisungsbefugnis gegenüber den Tourismusakteuren können sie lediglich weiche Steuerungsinstrumente nutzen: Messinstrumente (Nachhatigkeitsindikatoren), unterstützende Elementen (Weiterbildung, Marketing) und freiwilligen Selbstverpflichtunge (Verhaltenskodizes etc.) sind dabei im Angebot, womit man an und für sich keine Bäume ausreißt.

Nichtsdestotrotz ist die DMO die regionale Schnittstelle für alle Akteure. Sie kann Nachhaltigkeitsaktivitäten aufgreifen und bündeln, zentrale Impulse für Aktivitäten geben, weiterbilden und die relevanten Akteure miteinander in Verbindung bringen. Konkret kann gemeinsam an Schutz von Natur und (Kultur-) Landschaft gearbeitet, Angebote nachhaltiger Mobilität geschaffen oder Bechsucherlenkungskonzept erstellt werden.

Meines Erachtens können auf Destinationsebene besonders Aspekte sozialer Nachhaltigkeit Aufmerksamkeit bekommen. In einer Destination treffen schließlich zwei Kulturen aufeinander: Die Kultur der Reisenden (Quellregion) trifft auf die Kultur der Bereisten (Zielregion). Somit entstehen unweigerlich Wechselwirkungen, die auf Destinationsebene besser gemanaged werden können, als es einzelne Tourismusakteure für Sich tun können, um die regionale Identität zu erhalten.

Woran erkenne ich eine „nachhaltige“ Destination?

Diese Frage zu beantworten ist gar nicht so einfach, denn jeder Tourist hat einen anderen Blick auf eine Destination. Zusätzlich ist jede Destination in ihrer Kultur und Natur einzigartig. Daher gibt es für mich aus Touristensicht zwei prägnante Fragen:

  • Stellt die Destination praktische Möglichkeiten vor, um meine An- und Rückreise sowie die Fortbewegung innerhalb der Region nachhaltiger zu gestalten?
  • Ist es erkennbar, dass die Destination auf bestimmte Schwerpunkte setzt?

Natürlich gibt es noch viel mehr Fragen, die sich erdacht werden können – Genaueres gibt es im folgenden Kapitel zu den Nachhaltigkeitssiegeln. Da in der Kürze die Würze liegt, ist die Frage nach dem Fokus eine entscheidende. Nachhaltigkeit als Leitbild ist sehr umfassend und viele neigen dazu, alle Punkte zu bedienen. Doch eine Destination macht sich dann bemerkbar, wenn Informationen zu Nachhaltigkeitsthemen sehr konkret aufgearbeitet sind.

Zum Abschluss dieses kurzen Ausflugs in die Destinationen möchte ich dir noch die ZDF-Doku von Plan B: Im Einklang mit den Bergen (YouTube) empfehlen.

Nachhaltigkeitszertifzierung

Ein verantwortungsvolles Nachhaltigkeitsmanagement ist unweigerlich mit transparenter Berichterstattung über die eigenen Aktivitäten verbunden. Diese wird meist CSR-Berichterstattung genannt. Sie kann (!) intern als eine Art Managementsystem funktionieren und nach außen die eigene Nachhaltigkeitsleistung kommunizieren.

Doch darüber hinaus haben Organisationen ein großes Interesse daran, ihre Nachhaltigkeitsleistung kurz und prägnant außenwirksam zu präsentieren. Ein einfaches Label soll bestätigen, dass ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Organisation diese oder jene Nachhaltigkeitsleistung tatsächlich erbringt.

Dabei wird gerne folgendes durcheinander gebracht: Eine Zertifizierung ist der Prozess, um eine Leistung nachzuweisen (z.B. der TÜV). Das zugehörige Label ist das Zeichen oder Symbol, welches die erreichte Leistung nach außen kenntlich macht. Dabei ist es wichtig,

  1. welche Standards der Zertifizierung zugrunde liegen,
  2. wie die Beurteilung erfolgt
  3. und wie diejenigen, die die Zertifizierung einer Organisation vornehmen, kontrolliert werden.

Zu Punkt 1 ist verständlich, dass ein zu hoher Schwierigkeitsgrad dazu führt, dass kaum jemand dieses erreicht. Das schränke die Auswahl eines Touristen ein, der sich danach orientiert deutlich ein, denn nur wenige Produkte oder Dienstleistungen werden das Zertifikat erhalten. Gleichermaßen darf die Zertifizierung nicht zu gering ansetzen.

Darüber hinaus ist wichtig – siehe Punkt 2- , wie die Beurteilung einer Zertifizierung erfolgt: Man macht es einfach selbst, überlässt die Beurteilung einem nicht vollständig unabhängigen Partner oder einer gänzlich unabhängigen Organisation. Logischerweise bietet die letzte Option grundsätzlich die höchste Strahlkraft.

Nichtsdestotrotz hören die Bedenken hier nicht auf und das wäre nun Punkt 3 der Aufzählung: Wer kontrolliert denn nun, ob sich das erdachte Label der unabhängigen Organisation überhaupt vertrauenswürdig ist? Dafür kommen meist weitere unabhängige Institutionen wie NGOs ins Spiel, die die Zertifizierung an sich bewerten und einordnen.

Labeldschungel nachhaltiger Tourismus

Mit der wachsenden LOHAS-Schicht hat sich ein wahrer Labeldschungel gebildet. Immer mehr Zertifizierungssysteme werden entwickelt, um potentiellen Kunde zu gewinnen und die eigene Nachhaltigkeitsleistungen darzustellen. Dabei möchte ich gar nicht verneinen, dass es Sinn ergibt, nischenspezifische Zertifizierungen zu entwickeln. Jedoch kann man inzwischen schon mal den Überblick verlieren.

Damit dir das nicht passiert, gibt es z.B. einen Wegweiser von Fair-unterwegs.org und die Datenbank Label-online.de. Sie sind erste Anlaufstationen, um den Dschungel zu durchblicken und Unterschiede festzustellen. Dabei wird eingeordnet

  • welche Nachhaltigkeitsaspekte ein Siegel berücksichtigt,
  • wie transparent die Kriterien sind und
  • wie unabhängig geprüft wird.

Aus meiner eigenen Masterarbeit am Thema Zertifikate im Immobiliensektor (Universität Lund) weiß ich, dass besonderes Augenmerk auf die Transparenz von Kriterien gelegt werden sollte. Es ist uns Konsumenten nicht immer bewusst, warum welche Kriterien als nachhaltig gelten, dabei ist das eine überaus wichtige Angelegenheit. Wer soll denn die Macht darüber haben zu entscheiden, ob etwas als nachhaltig gelten darf?

Deswegen bitte ich dich Leser*in auch darum, deinen eigenen Verstand zu verwenden. Nur weil das Marketinglabel „NACHHALTIG“ auf etwas nicht aufgeklebt wurde, kann es immer noch nachhaltiger sein als Produkte oder Dienstleistungen mit Siegel. Nachhaltigkeitszertifikate sind schlussendlich nur Produkte einer Marktwirtschaft, die versucht, das wertebasierte Nachhaltigkeitskonzept in eine Checkliste zu überführen.

Menschenrechte im Tourismus

Über die Nachhaltigkeitszertifzierung hinaus gibt es eine derzeit sehr heiß diskutierte Baustelle in der Wirtschaft, die kaum wichtiger sein könnte: Die Menschenrechte. Dabei geht es im Tourismus um menschenwürdige Arbeitsbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen, die Verhinderung von Kinderarbeit, den Schutz der Privatsphäre von besuchten Bevölkerungsgruppen in der Serengeti, Gesundheitsschutz von Lastenträgern in Nepal oder die Beteiligung von Bevölkerungsgruppen an Entscheidungsprozessen über touristische Bauvorhaben.

Ohne mir jedes Nachhaltigkeitszertifizierungssystem des Tourismus im Detail angeschaut zu haben, kann ich aus meiner Berufserfahrung berichten, dass Menschenrechte in Zertifizierungssystemen mitgedacht werden. Der Teufel liegt aber eben besonders Detail: Menschenrechte werden oft nur stiefmütterlich behandelt und die Einhaltung von Menschenrechten ist nur schwer nachzuvollziehen. Eine spannende und kurze Abhandlung zu diesem Thema und aktuelle politische Entwicklungen findest du in diesem Blogbeitrag (akzente).

Es gibt auch Kodizes, mit deren Unterschrift sich ein Unternehmen dazu verpflichtet, die Menschenrechte einzuhalten. Nachweisbar ist das aber in den seltensten Fällen. Die Kodizes verbleiben oft ohne Wirkung, dabei ist das Thema besonders in der arbeitsintensiven Branche Tourismus so wichtig. Der Roundtable Human Rights e.V. setzt sich daher für eine bessere Menschenrechtsarbeit ein. Mit dem Roundtable Human Rights in Tourism habe ich dazu ein interessantes Interview (akzente) geführt, dass ich euch sehr ans Herz lege.

Fazit: Nachhaltiger Tourismus im Dilemma

Wie wir in diesem Beitrag gesehen haben, lässt sich nachhaltiger Tourismus nicht in eine einzige Form drücken. Das hat natürlich mit dem sehr „fluiden“ und wertorientierten Begriff Nachhaltigkeit zu tun. Nachhaltiger Tourismus hat den Anspruch, die Umwelt zu schützen und zugleich alle an dieser intakten Umgebung teilhaben zu lassen.

Damit sollen Fernreisen nicht prinzipiell aufgegeben werden. In einer globalisierten Welt sollten wir das Ferne nicht als fremd wahrnehmen. Nachhaltiger Tourismus hat nach meinem Dafürhalten nur eine Chance, wenn Nachhaltigkeit übergeordnet in allen Lebensbereichen der Gesellschaft diskutiert wird. Dieses Momentum existiert mit den LOHAS genau jetzt.

Dem LOHAS-Momentum entgegen stehen die Fakten im Tourismus: Es reisen immer mehr Menschen, es wird immer mehr geflogen und freiwillige Kompensationen greifen kaum – trotz gestiegenem Klimabewusstseins. Das ist dann der oben besprochene value-to-action gap. Dis Diskussionen um die klimafreundliche Lösungen für den Tourismus drehen sich nach meinem Dafürhalten im Kreis, denn es mangelt an Veränderung in der großen Masse.

Der vielgepriesene Markt hat also keine Lösung für das drängende Klimaproblem und es braucht staatliche Eingriffe. Besonders die Mobilität muss dringend anders ge- und besteuert werden. Das ist jedoch eine höchst komplizierte Aufgabe, denn die globale Verflechtung benötigt supranationale Ansätze und dafür müssen Mehrheiten gefunden werden. Letztendlich ist dies aber im Interesse der Touristen, der Wirtschaft und der Regierungen. Der Tourismus ist von einer stabilen Versorgung mit Ressourcen und einem gesunden globalen Ökosystem abhängig.

Wie du ganz persönlich deinen nachhaltigen Tourismus trotzdem leben kannst, entnimmst du am besten der folgenden kleinen Mindmap. Damit ist es gar nicht mehr so schwer, sich nachhaltiger zu verhalten.

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