Seenland Oder-Spree: Drei Tage Radabenteuer

Seenland Oder-Spree: Drei Tage Radabenteuer

Okay, ehrlich gesagt ist der Begriff Seenland Oder-Spree eine Marketing-Erfindung. Und ich als „Einheimischer“ sehe damit nicht unbedingt die sehr vielfältigen Landschaftsformen östlich Berlins beschrieben. Die Flusslandschaften der Oder und Spree, das eindrucksvolle Relief der Märkischen Schweiz, das trockengelegte Oderbruch und die Seenvielfalt des Berliner Umlands sind einfach schwer in einer Wortgruppe zusammenzufassen. Nur Theodor Fontane schaffte es, diese Landschaft zutreffend zu beschreiben und nutzte dafür Unmengen an Pergament.

Selber wuchs ich zum Großteil im Berliner Umland auf, drum ist mir die Gegend gut bekannt. Sie ist wundervoll! Dichter grüner Wald, tiefblaue Sommerseen, leichte Hügellandschaften und weite, gelbe Felder laden immer wieder dazu ein, hierher zurückzukehren. Dafür möchte ich auch dich begeistern. Daher präsentiere ich dir zwei Fahrradrouten, wie du diese Gegend erkunden kannst.

Die Tour bin ich mit einem geländetauglichen Gravelbike gefahren. Eine alternative und leichtere Route beschreibe ich dir auf gemächlicheren Wegen, die für jedes Rad zugänglich ist. Ich gebe dir Tipps für Übernachtungen und wie du aus drei Tagen das Volle schöpfst.

mein geländetaugliches Gravelbike im Ausnahmezustand
Mein geländetaugliches Gravelbike im Ausnahmezustand

Beschreibung der Tour durch das Seenland Oder-Spree

  • Strecke: 275 Kilometer, sehr gute Fitness und geländetaugliches Rad
  • Strecke leichte Alternative: 256 Kilometer, sehr gute Fitness
  • Dauer: 3 Tage
  • Übernachtung: Biwak / Zelt und bei entsprechenden Nachforschungen sicherlich auch Zimmer

Wer meiner originalen Route folgen möchte, fährt am ersten und dritten Tag größtenteils abseits des Asphalts durch Wälder und Felder – ohne Beschilderung. Ausstiegsmöglichkeiten sind während aller drei Etappen gut möglich und für dich in Klammern gekennzeichnet. Lediglich die erste Etappe (ohne leichte Variante) beinhaltet einen sehr einsamen Abschnitt. Sonst gibt es immer wieder Dörfer und Städtchen mit der Möglichkeit, Wasser aufzufüllen und etwas zu essen.

Etappe 1: Mitten rein nach Märkisch-Oderland, 80 Kilometer

Berlin-Lichtenberg (variable Startposition) – Ahrensfelde (S-Bahn) – Altlandsberg – Bötzsee – Fängersee – Gamengrund – Blumenthal – Rädekow – Bad Freienwalde (Regionalbahn) – Neugaul 

Komoot-Strecke Etappe 1

Etappe 1a: leichte Variante, 81 Kilometer

Wuhletal (variable Startposition) – Ahrensfelde (S-Bahn) – Trappenfelde – Werneuchen (Regionalbahn) – Wesendahl – Giehlsdorf – Strausberg (S-Bahn) – Klosterdorf – Reichenow – Wriezen (Regionalbahn) – Neugaul 

Komoot-Strecke Etappe 1a

Etappe 2: Oderbruchbahnradweg, 105 Kilometer

Oderbruchbahnradweg ab Altreetz nach (mehrmals Regionalbahn) Heinersdorfer See 

Komoot-Strecke Etappe 2

Etappe 3: Abschluss im Seenland Oder-Spree, 90 Kilometer

Oderbruchbahnradweg nach Müncheberg (Regionalbahn) und Buckow  – Rotes Luch – Kienbaum – Löcknitztal – Erkner (S-Bahn) – Müggelsee – Wuhlheide (S-Bahn)

Komoot-Strecke Etappe 3

Etappe 3a: Märkische Schweiz und Europäischer Fernradweg R1, 70 Kilometer

Oderbruchbahnradweg nach Müncheberg (Regionalbahn) und Buckow  – Radweg R1 über Garzau-Garzin – Rehfelde (Regionalbahn) – Grünheide – Erkner (S-Bahn) – Müggelsee 

Komoot-Strecke Etappe 3a

Ausrüstungs-Check

Für die gewählte Tour war ich recht minimalistisch unterwegs. Dies ist nur eine Möglichkeit zu reisen und natürlich ist dir überlassen, wie du reist.

  • Am Körper: Helm, Sonnenbrille, Radtrikot, Fahrradhandschuhe, Fahrradhose, Merinosocken, Sneaker
  • Fürs Rad: Multitool, Ersatzschlauch, Pumpe, Flickzeug
  • Elektronik: Handy, GPS-Gerät, Kopflampe, Fahrradlampen
  • Abends: leichte Windjacke, Merinohemd, lange Hose
  • Schlaf: Zelt, Sommer-Daunen-Schlafsack, Isomatte
  • Sonstiges: etwas Toilettenpapier, verschließbare Beutel, Mücken- und Zeckenschutz, Sonnencreme, etwas Erste Hilfe, Perso, EC-Karte, Bargeld
  • Nahrung für unterwegs: 5 Cliff Bars, 0,7l und 1l Flasche
Gravelbike für die 3-Tages-Tour durch Märkisch-Oderland
Das Rad zur Tour: ein Gravelbike mit nicht gerade breiten 35mm Reifen. Alles wurde eingepackt in eine Satteltasche, eine Oderrohrtasche, eine Lenkerrolle und das dazugehörige Acessory Bag

Tag 1: Mitten rein nach Märkisch-Oderland

Türe auf, Fahrrad raus, rauf auf den Sattel und die erste Straße hinauf. Lange Zeit im Frühling erdacht, konnte ich nun endlich in die Pedalen für diese erdachte Strecke durch Märkisch-Oderland treten. Oft ist es der letzte Schritt, der am Schwersten fällt: Endlich los!

Viel zu spät geht es zur besten Mittagszeit und -hitze durch ein grünes Lichtenberg hin zur gemächlich fließenden Wuhle. Ihr ausgebauter Wanderweg nach Ahrensfelde ist mein erster Begleiter. Unter den Gondeln hoch zum Wolkenhain hindurch und an Spaziergängern vorbei, gleiten die Räder die ersten Meter auf mal losem und mal festem Untergrund entlang.

Die waghalsigen Sporkletterer am 18m hohen Wuhlewächter Marzahns links liegen lassend, biegt mein Weg langsam auf das tadellos ausgebaute Knotenpunktsystem-Wegenetz des Barnims. Unter dem östlichen Berliner Ring hindurch, und Altlandsberg streifend – immerhin die Jugendstadt des ersten Königs in Preußen, Friedrich I. – geht es nun auch wirklich gefühlt in die Mark Brandenburg.

Blick aus Ahrensfelde: Brandenburg kündigt sich farbenfroh an
Hinter der Stadt Altlandsberg geht das graveln los

Mit unter 20 Einwohnern je Quadratkilometer ist die wald- und seenreiche Landschaft zwischen den suburbanen Ausläufern der S-Bahn Linie 5 und Bad Freienwalde – dem Ziel des Tages – überaus dünn besiedelt. An den Ufern des Bötz- und Fängersees entlang, nimmt mich ein stundenlang nicht enden wollender Wald in seinen Bann. Hoch und runter geht die Fahrt durch den Gamengrund und Blumenthal. Stellenweise zwingen mich die Folgen eines Unwetters vom Rad. Die kleinen Singletrails sind so intensiv ausgewaschen, dass das Rad im ausgespülten Sand regelrecht versinkt.

Im Kampf gegen den Sand und immer weiter nach Nordosten strampelnd kommen die Ausläufer des stärksten Brandenburger Reliefs zum Tragen. Im niedrigsten Gang wird das Rad hinaufgewuchtet und wie aus heiterem Himmel liegt nach gut 70 Kilometern das Moorheilbad Bad Freienwalde zu meinen Füßen. Am Aussichtsturm auf dem Galgenberg wird klar, warum sich hier Deutschlands nördlichstes Skisprungzentrum befindet: fast 100 Meter misst die Höhendifferenz. (Notiz: Die höchste Erhebung Brandenburgs befindet sich jedoch an der südlichen Grenze Brandenburgs zu Sachsen)

Aussicht auf die Stadt Bad Freienwalde, dem nördlichsten Punkt der Märkischen Schweiz

Es ist schon 18 Uhr und somit sind sechs Stunden seit meinem Aufbruch in Berlin-Lichtenberg vergangen. Die Stadt bietet das willkommene Abendbrot und eine Auffrischung nach den Strapazen. Dabei geizt die Stadt nicht mit schönen Gässchen und alten Bauten. Als staatlich anerkanntes Moordheilbad lohnt sich ein Besuch von Bad Freienwalde allemal mindestens als ganztägiger Ausflug: Ein intensiver Bergwanderweg führt über die vier Aussichtstürme der Stadt, welcher mit dem Turm-Diplom gekürt wird. Ein Schloss mit Schlosspark lädt zum Verweilen ein und das nahegelegene Altranfter Oderbruchmuseum bietet einen stilechten Eindruck des Brandenburger Landlebens. Von Berlin aus fährst du mit dem RE3 nach Eberswalde und von dort mit dem RB60 nach Bad Freienwalde.

Für mich gibt es jedoch heute nur noch ein Ziel: einen geeigneten Schlafplatz. Die hiesige Destinationsmanagementorganisation Seenland Oder-Spree gibt einen guten Überblick für Möglichkeiten, wie den unten auf dem Foto dargestellten offiziellen Biwakierplatz in Neugaul. Besonders entlang von Flüssen finden sich solche Plätze immer wieder. Aber du darfst auch woanders unterkommen.

Laut dem Gesetz über den Naturschutz und die Landschaftspflege im Land Brandenburg (Brandenburgisches Naturschutzgesetz – BbgNatSchG), §49 dürfen:

„Fuß-, Rad-, Reit- und Wasserwanderer […] abseits von Zelt- und Campingplätzen für eine Nacht Zelte aufstellen, wenn sie privatrechtlich dazu befugt sind und keine besonderen Schutzvorschriften entgegenstehen.“

Quelle

Das bedeutet: Vermeide Privatgrundstücke (#zaun) und Schutzgebiete jeglicher Art (#warnhinweise).

Ich für meinen Teil mache es mir bequem, entledige mich in der Alten Oder des Schweißes, stelle das Zelt auf und genieße die abendliche Ruhe. Die Sonne geht kaum unter, da geht sie auch schon wieder auf. Es war ein recht erholsamer Schlaf.

Am Biwakplatz Neugaul 10km von Bad Freienwalde entfernt kann man den Tag in Ruhe ausklingen lassen
Abendstimmung am Flussarm der Alten Oder im Oderbruch

Tag 2: Oderbruchbahnradweg

Schnell wird es heiß im Zelt, trotz großer Belüftung. Lange Schlafen hilft nichts, denn die nächsten 105 Kilometer warten heute auf mich. Diesmal geht es jedoch sehr entspannt auf geteerten Wegen durch das ebenerdige Oderbruch mit seinen gelben Feldern, langen Deichen und kleinen Feldkirchen. Die Besonderheit: Ich fahre den Oderbruchbahnradweg.

Entlang der Oder führen viele Radwege zusammen

Ein kurzer Geschichtsabriss

Noch wild und unentschlossen wandte sich die Oder nach der letzten Eiszeit zwischen Elbe, Wechsel und Donau ihren Weg aus dem Odergebirge in Tschechien hinunter ins Stettiner Haff – und somit in die Ostsee. Seit Menschen an ihren Ufern siedelten, durchfloss sie eine Kulturlandschaft. Besonders deutlich wurde das ab 1735, als das Oderbruch geschaffen wurde. Viele Seitenarme in dieser Niederung bildeten ein gigantisches Moor, welches regelmäßig überflutet wurde.⁠

Dann wurde es auf Wunsch des Alten Fritz trockengelegt. Innerhalb von Jahrzehnten wurde die Oder durch Deiche an den östlichen Rand gedrängt und das Land urbar gemacht. Und so ziemlich jeder fand sich hier ein: Sachsen, Österreicher, Württemberger und Brandenburger gründeten neue Gemeinden.

Zwischen 1911 und 1970 wurden landwirtschaftliche Güter nach Fürstenwalde, Müncheberg oder Wriezen und von dort wiederum nach Berlin auf der Schiene transportiert.⁠ Dass diese Bahnstrecke namens Oderbruchbahn zum Erliegen kam, sagt einiges über die heute spärlich bewohnte Region. Wer heute hier aufwächst, zieht oftmals weg, arbeitet in der verbliebenen Landwirtschaft, pendelt womöglich als Handwerker nach Berlin oder arbeitet im Tourismus. ⁠Was den Tourismus angeht, hat man u.a. die alte Trasse der Oderbruchbahn genutzt und sie als Radweg umfunktioniert.

Hut auf an heißen Tagen

Gedanklich zurück zur Tour: Heute gut ausgeschildert trägt mich das Rad entspannt über den Asphalt durch flaches Agrarland. Angerdörfer und Feldsteinkirchen grüßen alle nacheinander, nur vom Menschen bleibt kaum eine Spur. Umso schöner gestaltet sich der Radweg entlang kleiner Alleen, die ach so wichtigen Schatten spenden. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die Erde nieder. Geregnet hat es schon länger nicht mehr.

Im Hafen Großneuendorfs lädt der Verladeturm zu einer kurzen Rast ein. Alte Waggons der Oderbruchbahn werden hier zu Unterkünften umfunktioniert und auch der Turm bietet Apartments mit 360° Blick. Sicherlich ein schöner Spaß für die Familie, doch meine Tour geht noch ein ganzes Stück weiter.

Auf dem Oderbruchbahnradweg

Von einer Mittagsrast in Kienitz abgesehen, bleibe ich den ganzen Tag im Sattel. Die kleinen Dörfer des Oderbruchs und seine weiten Felder haben bald ein Ende, denn die südlichen Oderhänge von Lebus und Seelow erscheinen am Horizont. Ich muss sie erklimmen, wenn auch auf wesentlich angenehmere Art als die Rote Armee im Jahr 1945. Es war eine grausame Schlacht, an die das Museum in Seelow erinnert.

Die letzte Schlacht des 2. Weltkriegs auf europäischem Boden spielte sich an den Seelower Höhen ab. Verschanzt auf den Oderhängen im Januar 1945, versuchten Reste der Wehrmacht eine Übermacht der sowjetischen Soldaten von Berlin fernzuhalten – und scheiterten. Mindestens 100.000 Menschen starben im Oderbruch. Hier gibt es eine ARD-Dokumentation.

Ist Seelow erst erklommen, geht es von hieran wieder im Auf und Ab weiter. Mit den Seen des Lietzener Mühlentals linkerhand, windet sich der Oderbruchbahnradweg weiter nach Süden, um dann in einem Bogen wieder nach Norden abzubiegen. In genau dieser Biege sammle ich leider einen Glassplitter auf, der mich erst einmal mit einem Platten zurücklässt. Doch mit genügend Flickzeug an Bord erübrigt sich das Schieben und die letzten Kilometer schaffe ich im Nu mit geflicktem Reifen. Am Heinersdorfer See verbringe ich meine zweite Nacht.

Sommerliche Abendstimmung am Heinersdorfer See

Tag 3: Abschluss im Seenland Oder-Spree

Die Idee, am Heinersdorfer See zu nächtigen, hatten auch andere – und glücklicherweise hatten diese anderen auch noch eine Menge Bier dabei. So ging es am nächsten Morgen etwas gerädert zur morgendlichen Dusche in den See und leicht verspätet in den Sattel. Die örtliche Jugend verweilt abends gerne am See, aber auch diese diese verkriecht sich irgendwann.

Für die letzte Etappe geht es zunächst über Müncheberg – Katerfrühstück! – nach Buckow, das Zentrum der Märkischen Schweiz. Mehrere Male war ich bereits hier und kann es nur jedem empfehlen – egal zu welcher Jahreszeit. Irgendwie komme ich heute jedoch nicht in den Tritt und so gibt es eine Eisschokoladenpause auf dem zentralen Platz – natürlich nur um der Mittagshitze zu entgehen. Jedoch ist es auch ein wohlverdientes Eis am Ende des Oderbruchbahnradwegs, der hier am Kleinbahnhof Buckow endet.

Doch damit stehe ich noch nicht wieder in meiner Wohnung. Ich verlasse die geordneten Radwege und begebe mich in den Kampf mit dem gefürchteten Märkischen Sand. Spürbar anders und die Hochfläche des Barnims verlassend, dominiert nun feiner Sand des Berlin-Warschauer Urstromtals meinen weiteren Weg durch das Seenland Oder-Spree.

Das Rote Luch, ein Niedermoor, welches ich zuerst durchquere, ist geographisch besonders interessant. In dieser „Buckower Rinne“ getauften Landschaftsform, welche nach Süden und Norden zwei höhere Plateaus voneinander trennt (Barnim und Land Lebus), entspringt die Stöbber … und fließt in zwei Richtungen! Der nach Südwesten in die Spree mündende Teil fließt in die Nordsee, der nach Nordosten in die Oder mündende Teil in die Ostsee.

Doch für solche Details bleibt keine Zeit. Der Sand zehrt an den Kräften und lässt mich ein ums andere Mal absteigen. Durch das Löcknitzer Tal ziehen sich viele schöne Singletrails, ehe der Berliner Ring über eine kleine Brücke überquert wird. Nur noch durch Erkner und um den Müggelsee herum, schon wartet eine wohltuende Dusche und ein schönes Bett auf den geschundenen Körper. Ende Gelände!

Hoffentlich konnte ich dich für eine Tour durch das schöne Seenland Oder-Spree begeistern. Wenn du dich für weitere kleine Abenteuer bei Berlin interessierst, lade ich herzlich dazu ein, noch etwas auf meinem Blog stöbern. Viel Spaß!

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