Bikepacking Schlesien, Isergebirge, Jeschken!

Brücke über die Kwisa (Quells) im niederschlesischen Dorf Mirsk (Friedeberg)

Seitdem ich das Bikepacking lieb gewonnen habe (Rennsteig, Märkisch-Oderland, Harz), muss es nun auch mal international gehen. Über drei Tage bikepacken einen Freund und ich von Frankfurt an der Oder durch die polnische Woiwodschaft Lebus (województwo lubuskie), Niederschlesien (województwo dolnośląskie) und ins Isergebirge (CZ:Jizerské hory, PL: Góry Izerskie) der Reichenberger Region (Liberecký kraj). Auf 350 Kilometern und 4500 Höhenmetern genießen wir Gastfreundschaft, rattern über rasante Waldrouten, strampeln steile Anstiege hinauf und genießen Glücksmomente nach reichlich Regen.


Reiseroute zum Jeschken
ungefähre Bikepacking-Route über Sagan und Isergebirge

Tag 1 verläuft auf vielen Nebenstraßen und Waldwegen. Es sind 130 Kilometer von Frankfurt (Oder) bis nach Sagan. Hier ist das Streckenprofil (Komoot).

An Tag 2 geht es von Sagan nach Swieradow-Zdroj (Komoot) 120 Kilometer quer durch Niederschlesien.

Die Strecke an Tag 3 (Komoot) verläuft schlussendlich auf 100 Kilometern und 2500 Höhenmetern. Vom polnischen Swieradow-Zdroj geht die Fahrt nach Liberec, auf den Jeschken und hineins ins Zittauer Gebirge.

Tag 1: Frankfurt an der Oder nach Sagan (Żagań)

Wir wollen ihn genießen, den wohl einzigen Tag der Tour ohne Regen, mit ein wenig Sonne und wenigstens 20°C. Klick machen meines Radgenossen Klickies und so sausen wir die ersten Meter vom Bahnhof hinunter an die Oder und gleich über die Stadtbrücke zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice hinweg. Kaum in Polen angekommen suchen wir das Weite im Auwald und den saftigen Überflutungswiesen der Oder. Hier fühlen sich unsere Räder und wir uns am wohlsten.

All zu lange geht das aber leider nicht und so müssen wir erst einmal einige Asphaltkilometer abspulen. Dabei treffen wir unvorbereitet auf den Aussichtsturm (wieża widokowa) in Urad, der in 30 Metern Höhe eine schöne Aussicht auf die Umgebung bietet. Ab Ende 2022 soll eine Fähre die Oder an dieser Stelle queren – die nächste Möglichkeit, den Fluss überhaupt zu queren ist ziemlich weit entfernt.

Apropos Fluss queren: Das war südlich von Frankfurt (Oder) einst möglich. Nach dem Aussichtsturm gelangen wir auf den berühmten Betonplatten der Oderdeiche zu den Reste einer riesigen Brücke (ruiny mostu w Kłopocie). 1945 sprengte die Wehrmacht die Brücke nach Eisenhüttenstadt, um den Vormarsch der Roten Armee auf Berlin zu verlangsamen. Die Ruine ist heute eine tolle Kulisse, kann auf eigene Gefahr begangen werden und ist geeignet für ein Biwak. Aufgebaut wird die Brücke wohl nie wieder – man hat sich für die Fähre abwärts des Stroms am gerade erwähnten Aussichtsturm entschieden.

1919 erbaute und 1945 von Nazis gesprengte Brücke über die Oder bei Kłopot (Kloppitz)
gesprengte Brücke über die Oder bei Kłopot (Kloppitz)

Weiter geht der wilde Ritt bis zu einer Fähre über die Oder. Den Fluss hinauf sind wir an der Einmündung der Lausitzer Neiße vorbei und haben somit die deutsch-polnische Grenze verlassen. In Połęcko (Pollenzig) gibt es eine kostenfreie Fähre über die Oder, die uns verlässlich über den Strom bringt. Die Fähre hat keine Abfahrtszeiten, sondern pendelt auf Bedarf zwischen Morgen und Abend.

Über eine schnelle Asphaltphase erreichen wir die bis zum Zielort reichenden Waldwege. Mit viel Sand empfängt uns der mal monotone, mal bunte Mischwald. Meine dicken Reifen buhlen sich durch den Sand und mein Gefährte profitiert vom wenigen Gewicht. Wir kommen langsam, aber stetig voran und wissen nun: Östlich der Oder sieht es grundsätzlich sehr, sehr ähnlich aus.

Wir erreichen am Ende von 130 Kilometern unsere Warmshowers-Gastgeberin im Städtchen Sagan. Sie empfängt uns geplätteten Jungs mit Pizza und Bier. Hurra, ein Hoch auf die Warmshowers-Community! So können wir Energie für den nächsten Tag und den wild geplanten Ritt zum Isergebirge sammeln.

Waldwege in der Woiwodschaft Lebus
Waldwege in der Woiwodschaft Lebus

Tag 2: Niederschlesien

Es kam wie angekündigt, und blieb wie angekündigt: Regen. Gut ausgeschlafen und wohl genährt warten wir bis 11 Uhr vormittags, um die warme Wohnung zu verlassen und die Räder auf die Straße zu schieben. Südlich von Sagan befindet sich ein riesiges militärisches Gebiet, das wir natürlich nicht durchqueren, aber am Rande nutzen möchten. So biegen wir auf eine geplante Parallele zur asphaltierten Landstraße ein und müssen leider nach 15 Minuten bereits aufgeben. Auf diesem Gelände benötigt es wohl ein fat bike oder einen Panzer. So nutzen wir für 30 Kilometer die Straße und machen viel verlorene Zeit gut. Irgendwo im Nirgendwo verrät uns ein Schild: „Willkommen in Niederschlesien“!

Nach 30 Kilometern biegen wir ins südliche Ende eines Forsts ein, der leider von Harvestern genutzt wird. Dementsprechend versinken unsere Räder wieder im aufgewühlten Sand. Wir können die eigentlich geplante Route nur noch von diesem Punkt aus erreichen – und werden für den erhöhten Aufwand belohnt. Nach schweißtreibender Plackerei stehen wir vor schönen Waldwegen, die so fest sind, dass wir glatt darüber hinwegfegen.

Waldwege in Niederschlesien
Waldwege in Niederschlesien

Wir kommen nach vielen Stunden in die Nähe der Stadt Gryfow Slaski (Greiffenberg). Am Horizont braut sich etwas zusammen und entlädt sich mit voller Wucht über unseren Köpfen. In kürzester Zeit verwandelt sich unser inzwischen an Bahnschienen verlaufender „Weg“ in eine Schlammschlacht. Das Wasser kommt von oben, von unten, es spritzt nach links und rechts, der Regen tropft vom Helm und die Regenjacke darf zeigen, wozu sie in der Lage ist. Die Kette knarzt vom Sand und Dreck und die Konzentration ist auf dem unwegsamen Gelände sowieso gefordert. Glücklicherweise erübrigt sich der Regen nach einiger Zeit und wir erreichen zeitgleich einen Friedhof. Eine Fahrraddusche später sehen die Räder schon fast wieder wie neu aus.

Der Tag ist nun bereits weit vorangeschritten und der Weg noch weit. Wir entscheiden uns nach einem Supermarkt-Stop, wenig befahrenen Straßen bis zu unserem Endpunkt Swieradow-Zdroj (Bad Flinnsberg) zu folgen. Kurz vor der eintretenden Dunkelheit füllen wir unsere Tanks am Supermarkt erneut auf und kämpfen uns bis auf 850 Meter Höhe auf den Großen Geierstein (Sępia Góra) hinauf. Geschafft!

You gotta love mud
verdreckte Tatsachen
Hütte auf dem Großen Geierstein
Hütte auf dem Großen Geierstein (Sępia Góra)

Tag 3: Isergebirge, Liberec und Jeschken

Die Nacht bleibt alles andere als warm und ruhig. Ein mächtiger Sturm fegt über Mitteleuropa hinweg und lässt mich nachts kaum ein Auge zudrücken. Kräftig heulend schießt der Wind um unsere Hütte herum und lässt uns ganz genau wissen, wer hier die Hosen an hat. Am frühen, kalten Morgen packen wir schleunigst zusammen und rasen den Berg ins etwas wärmere Tal hinunter. Wir stärke uns für den bevorstehenden Ritt hinauf ins Isergebirge.

Wir quälen uns eine lange, alte Straße hinauf. Bis auf 1000 Höhenmeter müssen wir hinauf, um das tschechische Hochplateau zu erreichen. Überrascht und ständig begleitet werden wir dabei von Schauern, die bis in Hagel ausarten. Vielen Dank für Nichts! Just als wir den höchsten Punkt passieren, lösen sich die Wolken langsam auf und lassen sogar die Sonne hindurch.

Das Isergebirge wird von einer Vielzahl an Flüssen durchzogen. Im Herzen liegt der namensgebende Fluss Iser, der auch gleichzeitig im Herzen des Isergebirges die Staatsgrenze zwischen Polen und Tschechien bildet. Über eine alte Brücke queren wir den Fluss und fahren über eine Art Plateau, in dem sich die Mini-Ortschaft Jizerka (Klein Iser / Wilhelmshöhe) befindet. Ganze acht Einwohner und 23 Häuser zählt man hier mit der Hand ab.

Das Isergebirge gefällt uns ungemein zum Fahrradfahren. Die Wege sind oft von perfektem Kies und mehr als geeignet für Gravel- und Mountainbikes. Ab Jizerka verlaufen die Täler oft in Nord-Süd-Richtung. Da wir nach Liberec und seinen Hausberg Jeschken (Ještěd) im Westen wollen, überqueren wir mehrere Bergkämme. So anstrengend wie die Fahrt hinauf ist, umso genialer sind die Abfahrten. Nur einige wenige Wanderer bringen uns zum Abbremsen, sonst rollen die Räder mit voller Wucht voraus. Was für ein Heidenspaß bei gutem Wetter!

Auf dem Grenzfluss Černá Desná zwischen Tschechien und Polen
Grenzfluss Jizera zwischen Tschechien und Polen
Hochebene im Isergebirge
Gravel im Isergebirge

Am späten Nachmittag erreichen wir Jablonec (Gablonz) und Liberec (Reichenberg). Aus der nun nicht mehr ganz so weiten Entfernung wehren sich unsere geschundenen Beine dagegen, den Hausberg Ještěd (Jeschken) mit seinem Ufo-artigen Turm zu erklimmen. Doch es hilft nichts, denn das ist nun einmal das erkorene Ziel der ganzen Route.

Schlechter Planung sei Dank, rollen wir am Fuße des Berges auf eine 30-prozentige Steigung zu. Dies ist einfach nicht fahrbar und so schieben wir mühsam die Räder hinauf – eine willkommene Abwechslung zum ewigen Gestrampel. Nach zähem Kampf erblicken wir durch die Bäume hindurch den Ještěd ganz nah und keuchen eine kurze, sich um den Berg windendende Asphaltstraße hinauf. Nach so vielen Stunden und endlosen Kilometern überblicken wir bei bestem Sonnenschein Nordböhmen. Herrlich, was für ein Anblick!

Von hier aus geht es nun noch ins 30 Kilometer entfernt gelegene Zittauer Gebirge im Dreiländereck. Doch zu allererst glühen unsere Bremsscheiben auf der rasanten Talfahrt den Jeschken hinunter. Der frische Wind und wieder einmal einsetzende Regen kühlen unsere brennenden Bremsscheiben. Ganz herunterkühlen können unsere Bremsscheiben sowieso auf den letzten zehn Kilometern, denn diese geht es nur noch bergauf bis auf den Grenzkamm zwischen Deutschland und Tschechien. Völlig erschöpft erwartet uns in Hain ein warmer Kamin und gutes Essen. Was für ein Glück!

Der Jeschken, Liberec
Der Ještěd trohnt auf 1012m Höhe über Liberec
Blick von der Aussichtsplattform des Jeschken Richtung Isergebirge, Liberec
Blick von der Aussichtsplattform des Ještěd Richtung Isergebirge, Liberec
Ankunft im Zittauer Gebirge: erstmal trocknen!
Am nächsten Morgen im Zittauer Gebirge

Wichtige Orte und Landstriche

Wer sich in die Woiwodschaft Lebus und Niederschlesien sowie nach Nordböhmen begibt, den lade ich ein, sich ein ganz klein wenig mit der reichen Geschichte der Region zu beschäftigen. Gerne gebe ich dir in den folgenden Paragraphen ein paar historische Hinweise.

Bis zum Mittelalter waren in dem durchfahrenen Gebiet nur slawische Völker ansässig. Über die Jahrhunderte übernahmen Völker germanischer Sprache die Herrschaft. Insbesondere zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit kommt es häufig zu wechselnden Einflüsse: Die böhmische Krone, die polnische Krone, die Habsburger, Sachsen und Preußen wechseln sich munter gegenseitig ab. Dabei vermischen sich die Bevölkerungen und mal ist die eine und mal die andere Sprache vorherrschend. Grundsätzlich gilt, dass hier zwei Sprachfamilien immer nebeneinander und miteinander leben.

Die Woidwodschaft Lebus nimmt ihren Ursprung in der heutigen deutschen Stadt Lebus an der Oder in Deutschland. Die Mark Brandenburg war weit größer als heutzutage das Land Brandenburg und erstreckte sich weit über die Oder hinaus. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben und viele Ostpolen aus der heutigen Westukraine angesiedelt, denn dieses Gebiet beanspruchte nun die Sowjetunion.

Nicht anders erging es Niederschlesien, das ebenso lange dominant deutschsprachig war – oder besser gesagt schlesisch-sprachig. Auch hier fand nach dem 2. Weltkrieg genauso wie in Nordböhmen bzw. dem Sudetenland ein Bevölkerungsaustausch statt. Die Vertreibung Heimischer hatte oftmals eine Vernichtung dörflicher Strukturen zufolge. Das trifft beispielsbeispielhaftweise auf das Dorf Jizerka im Isergebirge zu, welches erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs etwas auflebte.

Für die touristische Erschließung des heute tschechischen Gebiets zeichnet sich der 1884 gegründete „Gebirgsverein für das Jeschken- und Isergebirge“ verantwortlich. Er erbaute das erste Jeschkenhaus im Jahre 1906.

Bikepacking in Polen und Tschechien

Kommen wir mal zu einem ganz kurzen Resümee der eigentlich nur wenigen Eindrücke. Östlich der Oder findest du nur spärlich bewohntes Gebiet. Die von uns gefahrenen Waldwege und Straßen (leer!) in der Woiwodschaft Lebus und Niederschlesien wie auch in Nordböhmen sind fantastisch. Durch so manchen Wald konnten wir regelrecht fliegen; von den Wegen im tschechischen Isergebirge ganz zu schweigen!

Planung

Wir Kartoffelnasen verlassen uns gerne auf das Potsdamer Unternehmen Komoot. Da vermutlich v.a. viele Sachsen und auch Tschechen diese Plattform nutzen, gibt es in Tschechien viele Points of Interests (POIs) aus der Community. Somit gestaltet sich die Tourenplanung leichtgängig(er). Im Vergleich zu Polen fällt auf, dass nur sehr wenige POIs vorhanden sind – und ich weiß auch nicht, worauf sich die Polen sonst beziehen (OSM?). Umso froher war ich unterwegs, wie angenehm viele der zufällig gewählten Waldwege zu fahren waren.

Übernachtung

Nordböhmen ist ein bergiges, touristisch viel besuchtes Gebiet mit entsprechender Infrastruktur. Überdachte Rastplätze oder sogar Zwei- bis Drei-Seiten-Hütten zu finden, ist gut möglich. Daher fiel uns schon vorher in Polen auf, wie wenige Rastplätze wir antrafen. Die von uns auf polnischer Seite des Isergebirges aufgesuchte Hütte auf dem Großen Geierstein war wirklich eine Ausnahme. Was es in Polen jedoch gibt: eine Karte der polnischen Forste, die diejenigen Gebiete ausweist, in denen man legal biwakieren, oder gar Feuer entzünden darf. So waren wir auch in unserer Schutzhütte auf dem Großen Geierstein völlig legal unterwegs. Toll!

Wenn du weißt, dass sich die Verfügbarkeit von Schutzhütten gen Osten in Polen noch verbessert, schreib es doch gerne in die Kommentare!

Bikepacking Bikes und Ausrüstung

Mein Freund und ich fuhren die Tour mit einem 8bar TFLSBERG und Kona Rove mit 55mm, respektive 40mm-Bereifung. Das Kona fuhr mit einer 48-31-Kurbel und 11-34-Kassette. Da musste mein Genosse schon viel Kraft aufwenden, um die steilen, steinigen Anstiege zu meistern. Meinem TFLSBERG habe ich eine 42-26-Kurbel sowie 11-40-Kassette verpasst. Damit war bis auf das sinnlose Geschiebe am Jeschken (30%!) alles zu schaffen.

Da uns kalte und nasse Tage bevorstanden, war auch entsprechend gepackt. Regenklamotten, Schlafsack und -matte, ein Tarp und Kocher reichten für die kurze Dauer der Tour.

8bar TFLSBERG
8bar TFLSBERG im Bikepacking-Modus
You gotta love mud
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