Berlin-Usedom-Radweg in zwei Tagen, also fast

Berlin-Usedom-Radweg in zwei Tagen, also fast

Die Ostsee, das Meer für alle nördlich des Weißwurschtäquators und ohne Lust auf Watt. Es ist das Meer der Wohlhabenden und Armen, es ist die Heimat der Freikörperkultur, der Sehnsuchtsort vieler Bürgerinnen und Bürger – und so eben auch von mir. Nur dieses Mal möchte ich mit dem Rad dorthin und habe nur ein Wochenende Zeit. Was läge also näher, als den Berlin-Usedom-Radweg auszuprobieren?


Auf dem Radweg Berlin-Usedom gelangen Fahrradreisende auf mehrheitlich angenehmen Radwegen und wenig befahrenen Straßen bis an die Ostsee. Meine Partnerin und ich hatten für die 335 Kilometer vom Berliner Schlossplatz bis nach Peenemünde auf Usedom jedoch nur einen Samstag und Sonntag Zeit. Daher blieb uns nur die Wahl einer verkürzten Strecke. Auf 180 Kilometern zwischen Bernau vor den Toren Berlins und Ueckermünde am Stettiner Haff wollten wir die Reise angehen.

Das Stettiner Haff ist politisch in ein deutsches (Kleines Haff) und ein polnisches (Großes Haff) geteilt. Die Peene sowie die Swine sind die größten Verbindungen an den Inseln Usedom und Wolin vorbei – hin zur Ostsee. Unser Wochenendziel ist das südliche Ufer des Kleinen Haffs. Bildquelle: stepmap.de

Man kann gewiss darüber streiten, ob das Stettiner Haff nun wirklich „die“ Ostsee sei, aber zumindest dient es uns als ein gut erreichbares Ziel.

Das Stettiner Haff ist ein durch vorgelagerte Inseln (Usedom und Wolin) von der tieferen Ostsee getrennter Brackwasserbereich. Es ist also ein inneres, flaches Küstengewässer – immerhin mit Salzwassergeruch.

Organisation der Reise

Viele ältere und einfach gestaltete Webseiten geben Aufschluss über den Berlin-Usedom-Radweg. Sowohl Berlin-Usedom-Radweginfo.de als auch Velo-Touring.de geben ausreichend Informationen über die einzelnen Abschnitte des Gesamtweges. Mithilfe dieser Informationen konnte ich sehr schnell klären, dass eine Strecke von Bernau nach Ueckermünde eine gute Zwei-Tages-Tour ergibt.

Entlang des Fernradwegs gibt es vielerlei Möglichkeiten, wieder in die Regionalbahn zu steigen. Good to know: Ueckermünde – obwohl in Mecklenburg-Vorpommern gelegen – liegt im Geltungsbereichs des günstigen Berlin-Brandenburg-Tickets!

Entlang der Strecke gibt es viele Übernachtungsmöglichkeiten. Besonders in kleinen Dörfern sollte sich immer ein freies Zimmer oder zumindest ein freies Stück Garten zum Zelten finden. Wir haben uns für die Zelt-Variante entschieden. Wie ich schon in meinem Blogbeitrag zur Tour durch das Seenland Oder-Spree erklärt habe, ermöglicht es das Brandenburger Naturschutzgesetz §49 (Quelle) Radreisenden, für eine Nacht ein Zelt aufzuschlagen. Davon wollten wir Gebrauch machen.

Obwohl der Weg grundsätzlich gut ausgeschildert ist, habe ich es mir nicht nehmen lassen, den zur privaten Verwendung freigegebenen GPS-Track (Radtouren-magazin.com) auf das Handy zu laden. Meine Komoot-Strecke findest du hier. Damit lässt sich die ein oder andere falsche Abbiegung schnell auflösen und es ist bereits eine Abkürzung enthalten. Aber lies selbst…

Tag 1: Von Bernau in die Uckermark

Grandioses Wetter am Samstag, angenehm warme Temperaturen, aber auch ein heranrollendes Unwetter am Sonntagabend: Das sind unsere Aussichten. Das Zwischenziel war eine kleine Badestelle zwischen Oberucker- und Unteruckersee – also immerhin 100 Kilometer. Wer sich für die genaue Stelle interessiert, kann mir ja schreiben.


Grün, grüner, Barnim

Wie lautet die oberste Planungsregel? Nimm lieber noch einen Zug früher als den ohnehin schon frühen Zug. Als wir voll bepackt mit unseren Rädern um halb neun am Berliner Gesundbrunnen stehen, fährt ein bereits bis zur Decke gefüllter Regionalzug ein. No chance, uns da noch reinzuquetschen! Wir entscheiden uns gegen die Virenschleuder und hüpfen in die S-Bahn nach Bernau.

Obgleich Bernau mindestens einen Ganztagesbesuch wert wäre, radeln wir zügig durch die kleine Altstadt, ziehen letzte Geldscheine aus dem Bankomaten und finden den Berlin-Usedom-Radweg nach Norden. Bestens asphaltiert präsentieren sich dabei die ersten dutzend Kilometer. Doch Obacht! Bereits hier geht es munter bergauf und bergab – manche mögen sagen hügelauf und hügelab.

Fahrradweg im Barnim
Auf dem Berlin-Usedom-Radweg im Barnim

Wir passieren mehrere Schleusen entlang des mehr als angenehmen Radwegs und legen recht schnell die ersten 50 Kilometer zurück. Wir erreichen den prall gefüllten Werbellinsee und fahren an seinem linken Ufer Richtung Joachimsthal. Dort begrüßt uns links der Straße das BIORAMA-Projekt mit einem Aussichtsturm. Ich bin ja immer ein großer Freund solcher Türme und so wird dieser für 4€ bestiegen. Es bietet sich eine tolle Aussicht über den Grimnitz- und Werbellinsee bzw. über das Biosphärenreservat Schorfheide.

Blick auf Joachimsthal zwischen Werbellinsee und Grimnitzsee
Auf dem Dach eines ehemaligen Wasserturms lädt eine Aussichtsplattform dazu ein, das Biosphärenreservat Schorfheide von oben zu überblicken. Das BIORAMA-Projekt geht auf eine private Initiative in Joachimsthal zurück.

Wir suchen nun den wohlverdienten Rastplatz auf. Die Badestelle (Koordinaten: 52.979022, 13.761829) ist für einen heißen, frühen Samstagnachmittag erstaunlich leer. Einige Bäume spenden uns für eine Stunde genügend Schatten; nur der Eismann wird hier schmerzlich vermisst.

Uckermark, die erste

Ein wenig am Strand erholt und schmerzende Glieder geschont, geht es für uns zurück auf die Drahtesel. Der offizielle Radweg verläuft nun durch die verschlafenen Orte Parlow und Glambeck. Die ganze Zeit möchte man dabei anhalten, um Bilder zu schießen.

Berlin-Usedom-Radweg zwischen Parlow und Glambeck
Der Berlin-Usedom-Radweg bietet immer wieder wunderschöne Fotomotive wie hier auf einem traumhaften Abschnitt zwischen Parlow und Glambeck

Normalerweise verläuft der Berlin-Usedom-Radweg nun am Ufer des Wolletzsees und von dort über Görlsdorf nach Steinhöfel. Allerdings ist eine Autobahnbrücke gesperrt und so folgen wir der wenig befahrenen L239 und überqueren die nördliche Autobahnbrücke. An einer scharfen Biege (Koordinaten: 53.058296, 13.854638) verlassen wir die Straße – und somit auch den Barnim -, um uns durch den Wald nach Steinhöfel zu schlagen.

Ein Feldweg durch die Uckermark erspart uns viele Kilometer entlang des Berlin-Usedom-Radwegs
Willkommen in der Uckermark: Eine herausfordernde, aber eben auch zeitsparende Abkürzung von Glambeck nach Steinhöfel führt über Stock und Stein

In Steinhöfel kehren wir erst einmal kurz in einem kleinen Privatcafé ein. Eis muss sein! Entlang des Weges finden wir immer wieder kleine Ferienwohnungen, Cafés und Zeltplätze im Garten ausgeschildert. Doch unser heutiger Weg führt uns noch weiter zum Oberuckersee, in den wir natürlich die geschundenen Körper tauchen! Puh, kommen wir heute nochmal irgendwann an?

Untrainiert einhundert Kilometer an einem Tag hinter sich zu bringen, ist eine sehr gute Leistung. Und eine sehr gute Leistung gehört dementsprechend belohnt! Am nördlichen Ende des Sees finden wir im Dorf Seehausen ein in der Uckermark etwas deplatziertes, weil bayerisches, Hotel und Restaurant, in dem wir es uns aber so richtig gutgehen lassen. Es ist ja schließlich Wochenende!

So richtig voll und satt mühen wir uns die letzten Kilometerchen einen ordentlichen Hügel hinauf, ehe wir an einer zuvor ausgesuchten Badestelle das Zelt aufschlagen. Ein netter Schwatz mit den anwesenden Locals, eine letzte Badesession und ab ins Zelt!

Ein gemütlicherZeltplatz in Brandenburg
Angekommen an einer kleinen Badestelle; unser Zeltplatz für eine Nacht

Tag 2: Von der Uckermark ans Stettiner Haff

Uckermark, die zweite

Lange hält man es an einem Sommermorgen nicht im Zelt aus. Früh knallt die Sonne durch die Zeltwände und treibt dich aus dem so bequemen Daunenschlafsack. Ein erfrischender Sprung ins kalte Nass lockert die gequälten Muskeln und Sehnen während warmes Müsli, heißer Tee und Kaffee dem Körper Energie zuführen. Noch sind es 80 Kilometer bis ans Stettiner Haff – und ein Unwetter rollt heran.

Wir rollen am Unteruckersee entlang und irgendwie kommen wir nicht in die Gänge. Eine der wenigen offenen Bäckereien im beschaulichen Prenzlau lädt doch noch einmal zum Brötchen und Toilettengang ein, ehe es jetzt aber nun wirklich mal losgehen muss! Los jetzt!

Eines von vielen schönen Schildern auf dem Berlin-Usedom-Radweg
Eines von vielen schönen Schildern auf dem Berlin-Usedom-Radweg

Salz! Ich rieche Salz!

Nördlich von Prenzlau verlassen wir die Uckermark und finden uns in Vorpommern wieder. Weit ist das menschenleere Land und entsprechend stark fegt der Wind über die Felder. Wir quälen uns die langgezogenen Hügel hinauf und retten uns in die Dörfer, die ein wenig Schutz bieten. Anhand des unten aufgezeigten Höhenprofils der Tour, aber noch viel am besser am Geschwindigkeitsprofil erkennst du die vielen, vielen kleinen Hügel unserer Reise.

Reisedaten unseres Teilabschnitts auf dem Berlin-Usedom-Radweg
Auszug der Reisedaten unseres Teilabschnitts auf dem Berlin-Usedom-Radweg. Die obere Darstellung zeigt die Höhenmeter während die untere Darstellung den Verlauf unserer Geschwindigkeit darstellt.

Hinter der Stadt Pasewalk verlassen wir die Weite und tauchen erneut in Wälder ein. Der Untergrund ums uns wird deutlich sandiger und so begleiten uns nur noch Nadelwälder bis ans Stettiner Haff. Seit DDR-Zeiten ist die Gegend von riesigen Truppenübungsplätzen gekennzeichnet, die früher der Nationalen Volksarmee gehörten. Heute nutzt die Bundeswehr das Gelände für militärische Übungen. So radeln wir nicht nur einmal an Stacheldraht vorbei.

Schau dir mal beim Kartendienstleister deiner Wahl die Gegend um Torgelow auf Satellitenbildern an, um die Dimension der Übungsplätze zu sehen.

Der Himmel verdunkelt sich immer weiter und öffnet schlussendlich seine Schleusen. Wir retten uns zwei Mal unter die Bäume, kramen die eingepackten Regensachen hervor. Ich beginne daran zu zweifeln, dass wir die restlichen 20 Kilometer überstehen, doch meine Partnerin pusht: „Jetzt wird nicht aufgegeben!“. Noch nie hat sie so viele Kilometer in 36 Stunden geschrubbt, da wird jetzt nicht die Flinte ins Korn geworfen!

So rollen wir letztlich verdient der Mündung der Uecker entgegen. Immer stärker wird Geruch von Salz in der Luft. Hach, wie herrlich dieser Geruch sofort Emotionen in mir weckt. Die letzten Kilometer schlauchen nochmal richtig stark, aber um 14 Uhr schaffen wir es, in das Stettiner Haff zu springen. Das haben wir uns nun wirklich verdient. Jetzt gibt es noch etwas Deftiges zwischen die Zähne und ab in den Zug zurück in die Hauptstadt. Schön war’s, auf dem Berlin-Usedom-Radweg.