Alleine reisen als Frau: Transsib durch Sibirien

Alleine reisen als Frau: Transsib durch Sibirien

Einfach mal den Mut zeigen und auf eigene Faust losziehen. Ich, der hier als Mann schreibe, habe Russland durchquert. Ich fühlte mich während meiner Reise ausnahmslos und zu jeder Zeit sicher. Doch alleine reisen als Frau kann ich nicht einschätzen, also lasse ich diejenigen zu Wort kommen, die es können. Im Folgenden lest ihr ein Interview mit zwei Frauen und ihren jeweiligen Erfahrungen. Und wer sich darüber hinaus für Sibirien interessiert, kann noch von Natalia aus Krasnoyarsk lesen, die eigene Abenteuertouren in Sibirien anbietet. Meine Reise habe ich hier in einem FAQ zusammengefasst . Eine passende Reisepackliste für den Winter gebe ich dir natürlich auch mit.

Sophia aus Deutschland und Ewa aus Polen sind Mitte bis Ende zwanzig. Im Februar 2019 traf ich beide nicht in einer Gruppe, sondern als jeweils alleinreisende Frauen in Russland. Mit einigem Abstand von unserem Kennenlernen möchte ich nun von ihnen wissen, wie sie ihre Reise mit der transsibirischen Eisenbahn in Bezug auf Sicherheit einschätzen.

Sophias Freunde beschreiben die junge Studentin als eine recht schüchterne Person – besonders gegenüber Fremden. „Mutig“ wäre das wohl am wenigsten verwandte Adjektiv für ihre Person, sagt sie. Doch sie formt ein starker Drang nach Freiheit. Kurz bevor sie im ersten Bus nach Kiew allein unterwegs ist, war sie so nervös, dass sie nicht einmal schlafen konnte. Sie würde das erste Mal alleine außerhalb Europas reisen.

Ewa hingegen ist bereits recht unterwegs. Alleine reisen als Frau ist sie gewohnt und sie ist gerne unterwegs. Unbedarft wäre wohl der netteste Ausdruck für ihren Reisestil, so ihre Freunde. Ewa ist eher ein Kind des Glücks statt einer mutigen Ritterin. Ihr Drang nach Unabhängigkeit bringt sie in verschiedene Winkel des Planeten, sodass auch alleine reisen als Frau im Iran keinerlei Problem war.

der Baikalsees im Winter
Ein russischer Geländewagen rast über meterdickes Eis

Alleine Reisen als Frau – ein Interview mit Ewa und Sophia

Danke, dass ihr beide euch die Zeit genommen habt für dieses Interview. Sophia, kannst du einmal kurz deine Reiseroute beschreiben?

Sophia: Mein Ziel für diese Reise war gar nicht Russland selbst, sondern Japan. Zuerst bin ich von Berlin über Warschau mit dem Bus nach Kiew. Von hier an habe ich fortwährend die 3. Zugklasse – platskartny – bis nach Wladiwostok genutzt. Zwischendurch habe ich in Moskau, Nowosibirsk und Irkutsk gehalten. In Wladiwostok fuhr dann meine Fähre nach Japan über Südkorea.

Ewa: Ich bin in Polen mit dem Bus nach Minsk gestartet. Von Minsk aus habe ich ebenso durchgehend Nachtzüge der dritten Klasse genutzt. Insgesamt blieb ich einen Monat in Russland, bis ich von Irkutsk aus nach Südostasien flog. Mein Hauptziel war der Baikalsee, aber natürlich wollte ich noch mehr von Russland sehen. Ich bin auf der Reise in Kasan, Ekaterinburg und Nowosibirsk ausgestiegen. Am Ende war ich eine entspannte Woche lang am Baikalsee und noch einige Tage in Irkutsk.

Warum wolltest du unbedingt an den Baikalsee?

Ewa: Irgendwie hatte ich schon immer diesen Traum, nach Sibirien zu reisen. Ich war schon immer ein bisschen komisch, sodass der Baikalsee im tiefsten Winter einfach zu mir passt. Der Baikalsee entwickelte sich zu einem persönlichen Ziel seit ich ein Kind war. Da ich besonders Orte mit nicht allzu viel Tourismus schätze, ist der Baikalsee im Winter eine wunderbare Angelegenheit. Der Baikalsee ist einfach unglaublich im Winter.

Der Baikalsee ist einfach unglaublich im Winter.

Was war die Motivation für deine Reise, Sophia?

Sophia: Wie schon gesagt, wollte ich eine Freundin in Japan besuchen. Ich hatte einiges an freier Zeit also dachte ich mir: „Why not?“. Vielleicht hätte mich eine Flugreise weniger Geld gekostet, aber am Ende des Tages war es das alles wert. Es war für mich auch keine finanzielle Frage.

Sonnenuntergang auf dem Eis des gefrorenen Baikalsees
Sonnenuntergang auf dem Eis des gefrorenen Baikalsees

Lasst uns einmal auf das Thema Sicherheit zu sprechen kommen. Ich beobachte, dass alleine reisen als Frau besonders argwöhnisch betrachtet wird. Es gibt eine Menge Unwissen, Fehlinformationen und kulturelle Bedenken. Wie schätzt ihr die Sicherheit in der transsibirischen Eisenbahn ein?

Sophia: Ich habe mich grundsätzlich sicher gefühlt. Die dritte Klasse ist meist ziemlich voll. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass hier nichts passiert.

Ewa: So hat es sich für mich auch angefühlt. Was wirklich anders war, als ich es gedacht hätte, ist, dass die Züge wirklich für jeden sind. Zuhause ist die transsibirische Eisenbahn und das Leben in ihr ein großes Mysterium. Mythen ranken sich darum. Am Ende des Tages, ohne das Mystische nehmen zu wollen, ist es aber nur ein Zug. Ich war sehr oft die einzige Nicht-Russischsprachige an Bord, umgeben von ganz normalen Leuten. Sie kümmerten sich um sich selbst, schauten Filme, lasen Bücher, spielten Karten oder schnarchten auf dem Bett. Die Leute haben auch Wertsachen wie Kameras auf Betten liegen gelassen, denn es gab am Ende eines Ganges immer Kameras [Anmerkung: die dritte Klasse ist ein offener Schlafwagen ohne Abteile]. Auch gibt es für jeden Wagen einen Zugbegleiter, der unter anderem auf Sicherheit achtet. Ich fühlte mich sicher.

Ich habe mich grundsätzlich sicher gefühlt.

Habt ihr auf eurer Reise einmal eine gefährliche Situation erlebt? Gab es Momente, in denen ihr euch unsicher gefühlt habt?

Ewa: Nein, ehrlich gesagt nicht ein einziges Mal im Zug. Einmal habe ich während einer kleinen Wanderung die Uhrzeit falsch eingeschätzt. Ich hatte noch viele Kilometer im Wald vor mir, doch der Sonnenuntergang setze schon ein. Ich hatte Angst, dass ich erfrieren könnte, aber ich konnte sicher nach Hause  trampen. Das war mein eigener Fehler.

Sophia: Leider habe ich an den fast allerletzten Abend in Wladiwostok eine unschöne Erinnerung. Nachdem ich im Hostel eingecheckt hatte, wollte ich mir noch die Stadt anschauen. Am Bahnhof sprach mich ein älterer Russe an, den ich nicht verstand. Ich versuchte ihm dann deutlich zu machen, dass ich kein Russisch verstehe. Es waren auch viele Leute um uns herum, sodass nichts passiert wäre, aber er griff mich plötzlich am Arm und ließ kurzerhand auch wieder los. Ich weiß nicht, was er wollte.

Alleine reisen als Frau - Transsib durch Sibirien - Ein Interview mit zwei Frauen über Sicherheit beim Reisen und ihre Erfahrungen

Wie war es dann, alleine als Frau im Zug zu reisen?

Sophia: Der Zug war wirklich in Ordnung. Viele bekamen natürlich mit, dass ich aus dem Ausland komme, sodass viele mit mir reden wollten. Sie brachten mir Essen und Getränke. Ab und zu war es mir auch ein wenig zu viel, aber generell passte es.

Wie habt ihr beide die Sprachebarriere wahrgenommen?

Ewa: Natürlich gab es eine Sprachbarriere. Glücklicherweise ist Russisch genauso wie meine Muttersprache Polnisch eine slawische Sprache, sodass man minimalistisch etwas verstehen kann. Kyrillisch lesen zu können war natürlich unglaublich vorteilhaft. Von daher konnte ich zum Beispiel sehr kleine Gespräche führen und im Alltag zurechtkommen.

Sophia: Ich konnte wirklich, bis auf das Alphabet, gar nichts. Das war jetzt nicht besonders schlau, denn die Kommunikation war schon eine große Herausforderung. Ich hatte einen Übersetzer dabei und Hände und Füße helfen ja bekanntlich immer, um ans Ziel zu kommen.

Kyrillisch lesen zu können war natürlich unglaublich vorteilhaft.

Wie habt ihr genau versucht, auf eure Sicherheit zu achten? 

Ewa: Natürlich versuche ich, mich vorher gut zu belesen. Es gibt viel dummes Zeug im Internet, also muss man versuchen, authentische Informationen zu finden. Irgendwelche Mythen haben sich bei mir noch nie bestätigt. Trotzdem: ich laufe nicht alleine nachts durch dunkle Gassen. Logischerweise protze ich auch nicht mit wertvollen Gegenständen. Alles was wichtig ist, habe ich an mir. Des Weiteren vertraue ich auch einfach auf meine Instinkte. Das ist verdammt wichtig.

Sophia: Ich kann dem eigentlich nichts hinzufügen. Für mich war es auch eine sichere Sache, in den Zügen zu übernachten. Da ich die Sprache überhaupt nicht sprechen konnte, fühlte ich mich im Hostel sehr sicher. 

Ewa: Ich habe auch einige Male Couchsurfing genutzt. Das funktionierte super, da man seine Hosts ja an guten Bewertungen aussuchen kann. Ich bin auch ein wenig getrampt.

Es gibt viel dummes Zeug im Internet, also muss man versuchen, authentische Informationen zu finden.

eine Frau zieht Ihren Koffer über den Bahnhof Wladiwostok
Eine Frau zieht Ihren Koffer über den Bahnhof Wladiiwostok

Habt ihr denn noch weitere Frauen getroffen, die eure Erfahrungen teilen? 

Ewa: Ja, ich habe auch von nichts Schlechtem gehört. Es gibt natürlich einige Themen, die man wie in vielen Ländern nicht groß in der Öffentlichkeit diskutieren sollte: Homosexualität oder linkes Politikverständnis. Die Meinungsfreiheit ist hier leider nicht vollständig gegeben.

Stellt euch einmal vor, eine Freundin möchte als Frau allein Russland bereisen und hat einige Bedenken. Was würdet ihr ihr raten? 

Ewa: Vertrau deinen Instinkten und alles wird gut.

Sophia: Das ist gar nicht so einfach, denke ich. Es kommt wirklich darauf an, was für eine Person du bist und ob du die Reise wirklich machen willst. Da die Reise aber so toll war, würde ich sie ausnahmslos empfehlen. Niemand kann dir einhundertprozentige Sicherheit garantieren. Nirgendwo. Es ist immer ein Risiko, vor die Haustür zu treten. Als Frau allein, alleine unterwegs zu sein ist es eine ganz besondere Reise.

Alleine reisen als Frau in Russland: Ist das sicher?

Sophia: Auf jeden Fall!

Ewa: Ja, absolut!

Vielen Dank für das Gespräch.

Alleine Reisen als Frau: Sophia und Ewa erzählen in einem Interview wie sie Sibirien alleine bereist und wie sie für ihre Sicherheit gesorgt haben.

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