Tschernobyl besuchen: Lost Place ohne Zombies

Tschernobyl besuchen: Lost Place ohne Zombies

Tschernobyl zu besuchen steht ganz weit oben auf jeder „To-Do“-Liste für Touristen in der Ukraine und für Menschen, die sich mit Lost Places beziehungsweise Dark Tourism auseinandersetzen. Gemeinsam mit Freunden habe ich Europas unwirklichsten Ort in einem typisch ukrainischen Winter besucht – es war grau und kalt.


Lost Places können unheimlich spannende Orte sein. So ist es kein Wunder, dass der Ort, an dem 1986 die größte nukleare Havarie der Menschheit geschah, Touristen anlockt. Die Kernschmelze, der Supergau, in Block 4 des ukrainischen Kernkraftwerks Tschernobyl, fand nur einhundert Kilometer nördlich der Metropole Kiew an der weißrussischen Grenze statt. Die Katastrophe veränderte unsere Welt nachhaltig.

Die Zahl der gesundheitlich betroffenen Menschen mit strahlenbedingten Krankheiten ist sehr schwer zu beziffern (siehe dieser Wiki-Artikel). Schlussendlich wurden über 100.000 Menschen aus einer 30km-Zone evakuiert und eine weitere Viertelmillion in der Ukraine und in Weißrussland zwangsumgesiedelt.

Heute können Touristen mit lizensierten Reiseanbietern einen bis mehrere Tage in die „Chernobyl Exclusion Zone“ auf ukrainischer Seite. Gemeinsam mit zwei Freunden habe ich am Ende einer Ukrainereise Tschernobyl für einen Tag besucht.

Lohnenswert ist auch ein kurzer Blick in die passende Galerie auf meiner Seite. Dort kannst du dir die Tschernobyl-Bilder genauer anschauen.

Lage der Sperrzone Tschernobyl in der Ukraine
Die Exclusion Zone Chernobyl liegt im Norden der Ukraine, 100 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Kiew. Die Stadt Chornobyl (ukrainisch) liegt im Süden dieser Zone. 18 Kilometer nördlich befindet sich das Kraftwerk und die 1970 eigens für die Arbeiter*innen errichte Stadt Pripyat. Die Stadt Pripyat ist heute unbewohnbar.

Meine Tagestour durch die Chernobyl Exclusion Zone

Welcome to Chernobyl

Eisig kalt pfeift der Wind durch unsere Straße in der Altstadt Kiews. Die schwere Holztür fällt krachend ins Schloss. Müde von der kurzen Nacht, trotzen wir Kälte und Müdigkeit und rücken alle Kleidungsstücke zurecht, sodass kein Windstoß einzudringen vermag. Auf den gelb erleuchteten Gehwegen laufen wir über urbanen Wintermatsch Richtung Hauptbahnhof. Es ist der 3. Januar 2019. Die Temperaturen sind noch leicht unter dem Gefrierpunkt an diesem dunklen Morgen.

Mit einem freundlichen „Hi“ begrüßt uns unsere Führerin am silbernen, modernen Kleinbus. Einige wenige Personen sitzen bereits im Warmen und machen es sich gemütlich. „Welcome to Chernobyl Tours. What are your names?“, fragt sie mit leicht rollendem Akzent, erhält unsere Pässe und das restliche Geld für unsere vorab angezahlte Tagestour. Wir erhalten einen Geiger-Zähler, spielen damit rum. Wird er anschlagen? Wir steigen ein.

Der Bildschirm ist ziemlich klein, der Ton schnarrt, aber wir verstehen die Botschaft des Films: Der Unfall in Block 4 des Atomkraftwerks Tschnernobyl in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (USSR) 1986 war auf menschliches Versagen zurückzuführen. Uns Kleinbusinsassen wird vor Augen geführt, dass während der Simulation eines vollständigen Stromausfalls mehrere Faktoren zusammenkommen und zur Explosion des Reaktors führen. Das Unheil nimmt weiter seinen Lauf, denn auch was danach an Missmanagement betrieben wird, führt zu der schlussendlichen Katastrophe. Die graue winterliche Landschaft rauscht derweil an uns vorbei.

Nach anderthalb Stunden steigen wir aus und purzeln quasi in einen radioaktiv gelb-schwarzen Souvenirshop. Gasmasken, Aufkleber, Kalender, es gibt allerhand Devotionalien. Ich empfinde das als ein wenig makaber und wende mich ab. Entlang einer Schranke, welche die gesamte Straße überspannt, läuft unsere Führerin schnellen Fußes in ein großes Wärterhäuschen. Die verrostete Schranke hebt sich und wir fahren in die Chernobyl Exclusion Zone hinein.

Abfahrt aus Tschornobyl
Ein ukrainischer Wagen lädt einen Passagier an der Grenze der Exclusion Zone. Für sie geht es zurück Richtung Kiew.

Tschernobyl ist nicht völlig verlassen, aber der Ort wirkt auch nicht einladend – erst recht nicht an einem grauen Wintertag. Seniore Menschen stapfen auf schiefen Gehwegen zu den wenigen nicht-verlassenen Häusern. Ein Linienbus aus Kiew hat sie hierher gebracht. Sie, das sind die 690 Rückkehrer von einst 12.000 Bewohnern. Es sind die, die es nicht mehr ausgehalten haben, fern der Heimat zu leben. Der ukrainische Staat hindert sie nicht aktiv daran, die Stadt weit im Süden der 30-Kilomter-Sperrzone wieder zu bewohnen.

Eingangsschild von Tschernobyl (Ukrainisch: Tschornobyl)
Willkommen in Chornobyl/Чорнобиль (ukrainisch) bzw. Chernobyl/Черно́быль (russisch). Die Stadt wurde am 2. Mai 1986 aufgrund radioaktiver Kontaminierung evakuiert. Das Atomkraft Tschernobyl liegt in 18 Kilometern Entfernung.

Puppentheater

Dass hier mal das Dorf Kopatschi gewesen ist, lässt sich nur erahnen. Entlang der einzigen Straße Richtung Norden halten wir vier Kilometer vor dem Kraftwerk. Ein einzelnes Gebäude, ein Kindergarten, steht noch verlassen am Wegesrand im Wald. Es ist stark beschädigt und der Putz bröckelt. Schön wird es hier einmal gewesen sein, denke ich mir. Ich kann es mir gut vorstellen, wie es hier als Kind gewesen sein muss. Nur, warum liegt ausgerechnet eine dreckige Puppe, mit abgerissenem Kopf daneben, so fotografisch perfekt abgestimmt im Mehrbettenzimmer? Zweifel machen sich breit, auch an anderen besuchten Stellen. Unsere Führerin dementiert auf unsere Nachfrage nicht, dass es Touristen gibt, die in ihrer Abwesenheit Dinge verstellen.

Noch schweigt unser Geigerzähler. Die Führerin zeigt uns eine unscheinbare Wurzel rechts des Treppenaufgangs. Piep! Der Geigerzähler schlägt aus und misst eine Strahlungsquelle. Man solle die Wurzel lieber nicht knutschen, sagt die Führerin. Piepsen tut der Zähler auch auf dem Weg nach Pripyat. Mitten im Nirgendwo schlägt er kurz aus. Alle drehen sich um. Was war das? Bei der Explosion des Reaktors wurde das gesamte umgebende Gebiet mit radioaktiv verseuchten Partikeln überzogen. Die Gefahr lauert heute in den Wäldern, nicht unbedingt in den teilweise dekontaminierten, geräumten und verlassenen Gebäuden.

Die Geisterstadt Pripyat

Die verlassenen Gebäude lernen wir jetzt kennen. Am Eingang der Geisterstadt Pripyat, eigens für die Arbeiter*innen des Atomkraftwerks 1970 errichtet, wird erneut kontrolliert, ob wir eine Genehmigung haben. Natürlich haben wir die. Auf rumpligen, hartgefrorenen Wegen kämpft sich nun der Kleinbus durch eine Ansammlung sozialistischer Plattenbauten. Es lässt sich erahnen, dass Pripyat kein schlechter Ort war, sondern ein Ort mit Zukunft.

Voller Stolz wird diese Stadt im Sommer dagelegen haben, im dichten ukrainischen Wald. 50.000 zumeist junge Einwohner, davon über 10.000 Kinder, genossen die modernen Apartments mit Fernwärme, das Schwimmbad, ein Kino, einen Kulturpalast, Parks, Spielplätze und vieles mehr. Es war die perfekte Stadt nach sozialistischem Vorbild. Es muss ein schönes Leben gewesen, das ein abruptes Ende fand.

Das Atomkraftwerk Tschernobyl

Wie eine gigantische Werkshalle mutet der neue Sarkophag über dem zerstörten Reaktor an. Vor seiner Fertigstellung hätten wir keine fünf Minuten direkt vor den Toren des Kraftwerks stehen dürfen, so verlautbart es unsere Führerin. Etwas ungläubig schaue ich auf meinen Geiger-Zähler, besonders hoch schlägt er hier nicht. Klar, warum sollten genau am Kraftwerk, wo seit 1986 so viel geschehen ist, auch noch größere radioaktive Partikel herumliegen, die viel schädigende Strahlung aussenden?

Ich lausche den Erzählungen unserer Führerin, verstehe, was sie meint, aber es kommt mir wie auch schon bei meinem Besuch in Auschwitz-Birkenau etwas unwirklich vor. Natürlich habe ich die Gebäude direkt vor Augen. Das späte Leid der Kontaminierung oder Verstrahlung all der Liquidatoren, die hier zu abertausenden den Brand versucht haben zu löschen und die Umgebung zu reinigen, ist für mich trotzdem nicht greifbar.

Der neue Sarkophag über dem geschmolzenen Atomreaktor
Der im Sommer 2019 fertiggestellte „Sarkophag“ über dem geschmolzenen Reaktor 4 in Tschernobyl ermöglichte es uns, dass wir relativ bedenkenlos 10 Minuten davorstehen. 24.860 Tonnen Gewicht halten nun die Strahlung weitestgehend im Innern.

Radarstation Duga-1

Mitten im Nichts steht er da: Ein 150 Meter großer Koloss aus rostendem Stahl im dunkelgrünen Nadelwald. Dieser Koloss ist selbst aus der Entfernung so hoch und lang, dass ich ihn kaum greifen kann. Der leicht geschmolzene Schnee knirscht unter unseren Füßen, während wir uns dem Koloss nähern. Wir laufen auf ihn zu und der Koloss wächst mit jedem Schritt in seiner Größe.

Wie kleine Ameisen muss unsere Gruppe von oben wirken. In der Dämmerung wuseln wir um den Koloss herum, tauchen hier und dort aus dem Wald auf. Jeder versucht das verdammte Ding irgendwie auf die Kamera zu kriegen. Und tatsächlich ergibt sich die ein oder andere interessante Perspektive. Es ist ein unglaubliches Bauwerk und zeugt von der Gigantomanie des Kalten Kriegs.

Der Blick von oben muss fantastisch sein, denke ich mir. Ich finde auch den ein oder anderen Zustieg, aber lasse es dann mal doch lieber sein. Schrill dringt die Stimme unserer Führerin zu uns. Die Zeit drängt, wir müssen zurück nach Kiew. Vorher messen wir aber lieber nochmal genau nach, ob wir keine Strahlungspartikel mitgebracht haben. Das war er also, unser Besuch Tschernobyls.


Wie besucht man Tschernobyl?

Was genau war jetzt nochmal das Problem mit der Strahlung?

Natürlich werden Gesundheit und Sicherheit in der „Chernobyl Exclusion Zone“ groß geschrieben, denn die Gefahr für unsere Körper ist unsichtbar. Alle Lebewesen auf diesem Planeten sind natürlicher Strahlung ausgesetzt. Zwischen 1 und 10 Millisievert (mSv) nehmen wir jährlich über Boden, Baustoffe und Sonne auf, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Für Lebewesen sind Strahlenschäden gefährlich. Radioaktivität bezeichnet die Eigenschaft von Atomkernen, ihren Zustand zu ändern. Sie geben dabei Bewegungsenergie ab, sprich Alpha-, Beta- oder Gammateilchen werden ausgesandt. Diese Teilchenstrahlung – auch ionisierende Strahlung genannt – dringt in Materie (uns) ein und gibt dabei ihre Bewegungsenergie wieder ab.

Unsere Zellen bestehen aus Molekülen, die wiederum aus komplexen Anordnungen von Atomen bestehen – und darin wiederum eine Anordnung von Elektronen. Die ionisierende, in uns eindringende Strahlung, ballert nun Elektronen aus den Atomen unserer Moleküle heraus. Das Atom verändert sich. Und das betrifft dementsprechend unsere eigentlichen Moleküle, welche die Zellen ausmachen. Der Schlamassel beginnt. Zellen können nun der lebenswichtigen Funktion der Zellteilung, der Erneuerung von Körpersubstanz, nicht mehr nachgehen.

Unsere Haut weist eine sehr hohe Zellaustauschrate auf, um sich zu erneuern. Geht die Teilungsfähigkeit der Hautzellen verloren, geht die Haut zugrunde. Deswegen treten Strahlungsschäden bei Strahlenbelastung durch Fernwirkung (also nicht Schlucken oder Einatmen radioaktiver Substanzen) am schnellsten auf der Haut auf.

Klar soweit? Natürlich ist das nicht die perfekte Erklärung und es geht noch viel komplizierter, aber ich möchte auch keine Abhandlung schreiben. Wenn du dich noch mehr informieren möchtest, gibt es hier ein Erklärvideo (YouTube).

Gesundheit und Sicherheit in Tschernobyl

Was habe ich nicht für endlose Diskussionen führen oder mir Sachen anhören müssen. Also ganz knapp zusammengefasst: Ja, man kann Tschernobyl besuchen. Ich war dort und habe mich einer gemessenen Strahlung ausgesetzt, die ungefähr der eines einstündigen Fluges entspricht.

Die Sperrzone von Tschernobyl ist auf den Straßen durch zwei Checkpoints abgesperrt. Am Checkpoint Dytjatky (30-Kilometer-Zone) im gleichnamigen Dorf und am Checkpoint Leliw (10-Kilometer-Zone) werden die Genehmigungspapiere zur Betreuung der Zone durch die ukrainische Polizei kontrolliert. Auch am Eingang der Stadt Pripyat stehen erneut Polizisten. Bei der Ausreise aus der Sperrzone werden von jeder Person die Strahlenwerte gemessen. Bei wem es piepst, der bleibt für immer und ewig da – nicht…

Wer sich länger in das Thema einliest, weiß auch, dass um die „Chernobyl Exclusion Zone“ ein größerer Hype gemacht wird, als es die Aufregung schlussendlich wert ist. So konstatierten zwei Autoren:

Lax surveillance and a lack of security, along with shoddy and broken-down fencing in places around the zone’s perimeter, mean that the zone of alienation has very porous borders. Wildlife and people roam in and out. In short, the area has never truly been an ‘exclusion zone’.,

Phillips & Ostaszewski

Nichtsdestotrotz ist es wichtig festzuhalten, dass während des Aufenthalts:

  • Strahlungsbelastung deiner Person bei Verlassen der Zone gemessen wird,
  • ein Messgerät für jede Person für die Dauer des Aufenthalts ausgeliehen werden kann
  • und bei Einhaltung der vorgegebenen Verhaltensregeln durch die Guides keine Kontaminierung durch oder Aussetzung von gefährlicher Strahlung geschieht.

Außerhalb der typisch besuchten Punkte in der Sperrzone gibt es weiterhin stark radioaktiv verseuchte Gebiete. Besonders in den Wäldern werden noch hohe Werte gemessen. Auch zu beachten gilt, dass die seit nun mehr 35 Jahren leerstehenden Gebäude der Geisterstadt Pripyats allesamt eine Gefahr an sich darstellen. Du begibst dich in Lebensgefahr, diese eigenständig zu betreten.

Tschernobyl mit Reiseanbieter besuchen

Heutzutage kannst du aus wirklich vielen Anbietern für Touren wählen.

  • Chernobyl Tour,
  • Go2Chernobyl,
  • Chernobyl Exklusive Tours,
  • Soviet Wonders,
  • … und viele weitere.

Es gibt sowohl 1-day-trips als auch Mehrtagestouren. Wenn du nicht völlig in die Geschichte Tschernobyls vernarrt bist, empfehle ich dir den Tagesausflug. Er beinhaltet immer einen Besuch der Geisterstadt Pripyat, der Radarstation Duga-1 und natürlich des Kraftwerks (von außen). Darüber hinaus unterscheiden sich die Anbieter dadurch, welche der vielfältigen verlassen Dörfer und anderen Stätten besucht werden. Der Tag ist so oder so recht lang: Meist geht es am frühen Morgen in Kiew los und endet gegen 18 Uhr am Ausgangspunkt.

Inzwischen gibt es auch Touren in das Kraftwerk hinein, mit einem All-Terrain-Vehicle durch die Landschaft, einem Flug über die Zone oder einer Kayak-Tour auf dem See. Auch die Orte der HBO-Serie Chernobyl können gezielt besucht werden.

Nach meiner Erfahrung im Winter sind die Gruppen überschaubar und in Kleinbusse aufgeteilt. Das ermöglicht es auch Individualreisenden, schnell Anschluss zu finden. Ich war bereits das zweite Mal in Kiew und weiß noch, dass ich während meiner ersten Reise für eine spontane Buchung im August definitiv zu spät dran war. Passend dazu hat die ukrainische Regierung laut diesem Spiegel-Artikel angekündigt, die Zahl der Touristen auf eine Million jährlich erhöhen zu wollen.

Kosten der Touren

Die Kosten werden in USD angegeben, aber du kannst auch in Euro oder Hryvna bezahlen. Unser Tagesausflug zu den typischen Sehenswürdigkeiten kostete pro Nase 100 USD. Bezahlt habe ich 25% vorab und die restlichen 75% vor Beginn der Tour in Kiew. Egal welche Tour du buchst, du musst für Touren definitiv etwas vorab bezahlen, denn der Anbieter organisiert für dich eine Genehmigung. Die meisten Anbieter raten dir, zwei Wochen vorab zu buchen.


Kritische Auseinandersetzung mit Dark Tourism

Ich möchte in diesem Post nicht unergründet lassen, warum der Besuch von Tschernobyl, beziehungsweise Orten, an denen es zu fatalen Katastrophen kam, durchaus einer Diskussion bedarf. Schlussendlich war der Vorfall 1986 in Tschernobyl eine Vollkatastrophe atomarer Energiegewinnung. Viele tausende Menschen sterben bis heute qualvoll an Krebs.

Anmerkung: Dies ist keine wissenschaftlicher Versuch, einer Einordnung der Geschehnisse Tschernobyls. Auch kann ich für dich nicht beantworten, ob du es moralisch vertreten kannst, die Chernobyl Exclusion Zone zu besuchen. Ich stelle hier lediglich systematisch einige Informationen zur Verfügung, die deiner Anregung dienen.

Definition(en) von Dark Tourism

Katastrophentourismus, Dark Tourism oder Schwarzer Tourismus: Es gibt viele Wörter für ein und dieselbe Sache. Die Wissenschaft ist sich darüber uneinig, welche Grenzen nun genau zwischen den verschiedenen touristischen Erscheinungen von Dark Tourism gezogen werden. Schlussendlich begeben sich Menschen an Orte, die von Leid geprägt waren und oft heute noch von hoher (politischer, nationaler, ethnischer etc.) Bedeutung sind. Dennoch reicht diese Definition nicht aus, denn es besuchen freilich auch Menschen Katastrophenorte, weil sie dort Angehörige oder Freunde verloren haben und ihrer gedenken.

Touristische Angebote, welche sich an immer noch währenden Konflikten orientieren, ordnet man übrigens dem „War Tourism“ zu. Dieser Strang ist viel älter – liebe Grüße gehen diesbezüglich an Mark Twain oder Thomas Cook raus – und wird auch heute noch beobachtet. Ein Beispiel für War Tourism ist die umkämpfte Ostukraine, wie dieser Bericht in der Daily Mail aufzeigt.

Der Wissenschaftler Philipp R. Stone steckte 2006 mit seinem Aufsatz „A dark tourism spectrum: Towards a typology of death and macabre related tourist sites, attractions and exhibitions“ eine Typologie von Katastrophenorten ab:

Dark Fun Factories Oftmals umauthentisch wirkende Orte mit gespielten Umständen, die kommerziell ausgerichtet sind
Dark Exhibitions künstlich geschaffener Ort mit hohem Bildungswert
Dark Dungeons Stätten, in denen in der Vergangenheit „Recht“ gesprochen wurde, z.B. Robben Island
Dark Resting Places Friedhöfe und Gräber mit architektonisch oder landschaftlicher Besonderheit, z.B. Père-Lachaise Friedhof
Dark Shrines Stätten zur Anteilnahme und Bekundung von Respekt gegenüber Verstorbenen, meist zeitlich begrenzt
Dark Conflict Sites Schauflächen vergangener Kriege, der Bildungsauftrag und das Gedenken sind im Vordergrund, z.B. Seelower Höhen
Dark Camps of Genocide Orte gegen das Vergessen oftmals politisch motivierter Völkermorde, z.B. Auschwitz-Birkenau
Typologie von Katastrophenorten nach Philipp R. Stone (2006)

Wie Sven Budweg in seiner Bachelorarbeit zu Motiven und Erscheinungsformen des Dark Tourism somit gut zusammenfasst, kann also auch jede Kulturreise von Oma & Opa ihren Dark Tourism-Anteil haben. Aber wo ordnen wir nun Tschernobyl ein? Für mich passt Tschernobyl nicht richtig in die aufgezeigte Typologie, denn die Besonderheit ist schließlich, dass hier hoheitlich nicht vom Staat in einen sehr sensiblen Ort eingegriffen wird – anders als auf Robben Island, dem ehemaligen Gefängnis von Nelson Mandela oder den kambodschanischen Killing Fields. Für die staatseigene Aufarbeitung des Reaktorunfalls gibt es das Kiewer Chornobyl Museum.

Dark Tourism in Tschernobyl

Ist Tschernobyl nun also so richtig DARK? Vielleicht. In der Chernobyl Exclusion Zone geht es vorrangig um die Wirkung der Katastrophe auf die Besucher*innen. Natürlich laufen dort keine Zombies herum, aber für uns ungewohnt ist dann doch die militärische Abriegelung, die strengen Sicherheitsvorschriften, die Größe des Areals und einfach die allgegenwärtige Zerstörung – in ungewohnter Form. Die Natur übernimmt von Menschen geschaffene Areale.

Aufgrund meiner eigenen Erfahrung würde ich Tschernobyl nach Stones Definition einer „Dark Conflict Site“ zuordnen. Den Ausschlag dafür gibt meine persönliche Erfahrung, wie unsere Tour verlief: Es gab einen Aufklärungsfilm über die Katastrophe, Sicherheitshinweise, Einordnungen des Geschehens und einprägsame Schilderungen der Leiden der Betroffenen. Mein Reiseveranstalter hätte den Ort schließlich auch anders präsentieren können.

Nichtsdestotrotz gab es auch künstlich geschaffene Elemente, die auf Nachfrage unsererseits (siehe den Reisebericht oben) nicht explizit verneint wurden. Einige besuchte Orte wie der Kindergarten wirkten mitunter von Personen (anderen Touristen?) gezielt für Fotos inszeniert. Zusätzlich bekam jede*r Teilnehmer*in ein Zertifikat zum Besuch der „Chernobyl Exclusion Zone“, auf welchem die Strahlung vermerkt wurden, derer man sich ausgesetzt hat. Das kam mir nicht besonders „dark“ vor, aber zeigt einen Trend der touristischen Entwicklung auf.

Vor der Fußball-EM 2012 im eigenen Land erkannte der ukrainische Staat das touristische und somit wirtschaftliche Potential Tschernobyls für die schwache Region an der belarussischen Grenze. Bis 2011 gab es wohl nur einen Veranstalter, der offiziell Touristen in die Zone führen durfte. Das wurde zur EM geändert und so konnte ich 2019 aus einer ganzen Reihe von Veranstaltern wählen.

Die Reiseveranstalter springen also auf einen lukrativen Zug, schließlich kostet so ein Tagesausflug läppische 100 USD – pro Nase bei rund 15 Personen im Kleinbus. Das ist viel Geld in einem sonst armen Land. Laut diesem Spiegel-Artikel hat die ukrainische Regierung das Ziel ausgegeben, die Zahl der Touristen auf eine Million jährlich zu erhöhen. Es riecht nach einer Kolonne von Kleinbussen aus Kiew, die täglich nach Norden rollt.

Gründe für den Besuch von Tschernobyl

Ist es moralisch vertretbar, an einen Ort zu reisen, der viel Leid erfahren hat? Die Antwort liegt schlussendlich in dem Grund, warum du dorthin reist. Reist du aus Sensationssucht dorthin, um es live auf Instagram zu streamen? Schauen wir uns das einmal genauer an: Yankovska und Hanman veröffentlichten 2015 eine Studie namens Dark and toxic tourism in the Chernobyl exclusion zone. Dabei befragten Sie 8 Tourguides und 4 Reiseveranstalter um u.a. herauszufinden, warum Menschen dorthin reisen.

Es gibt zwei Gruppen: Die 18- bis 28-Jährigen scheinen mehr an der Unheimlichkeit dieser Orte interessiert zu sein als alle weiteren Besucher, die die Erinnerung in den Vordergrund stellen. Die jüngere Gruppe wird gerne auch an andere, passende Orte geleitet, als die ältere Gruppe. Ukrainische, weißrussische und russische Touristen, die direkt oder indirekt von der nuklearen Katastrophe betroffen waren, werden von den Führern als wesentlich emotionaler wahrgenommen.

Auch die Jahreszeiten spiegeln das Interesse gewisser Gruppen wieder. Der dunkle Herbst und Winter zieht diejenigen an, die besonders an der Verlassenheit, dem Tod und der Zerstörung interessiert sind. Frühling und Sommer locken eher Touristen an, welche beobachten möchten, wie sich die Natur alles zurückholt. Die Jahreszeit bedingt die Erfahrung der Touristen.

In den ausgewerteten Interviews wird auch deutlich, welche Rolle die Medien spielen. Die HBO Serie Chernobyl und viele Beiträge machen den Ort für viele Menschen erst interessant. Sie lernen unter anderem bereits vorab sehr viel über die Katastrophe. Es gibt jedoch auch Computerspiele wie S.T.A.L.K.E.R., das in einem unheimlichen Tschernobyl voller Mutanten spielt. Die Anzahl junger Touristen, die den Thrill suchen, wächst.

People believe in these games and horror movies too much. Consequently, they are not interested in real history and valid information anymore. What is more, they want to risk their lives and find adrenalin instead of appreciation and memorialisation of the past which gives some valuable lessons.

Tour Guide B in der Studie Dark and toxic tourism in the Chernobyl exclusion zone.

Ein kurzes Fazit

Es ist meiner Meinung nach ethisch nicht vertretbar, Katastrophenorte wie Tschernobyl zu besuchen, wenn man aus der Beobachtung solcher eine Befriedigung erfährt, um einen Ort-dieser-Welt-den-man-gesehen-haben-muss abzuhaken, oder wenn man sich über Geschehnisse lustig macht. Es gilt, sich mit dem Konflikt offen und ehrlich zu beschäftigen.

Unglück ist Teil des Lebens und es sucht uns alle immer wieder heim. Für manche bedeutet Unglück den plötzlichen oder auch schleichenden Tod. Der Besuch von Orten wie Tschernobyl ist dann ein guter, wenn er einen Erinnerungs- und Bildungseffekt hat. Die Orte helfen dabei, dass wir uns mit Katastrophen für Mensch und Natur auseinandersetzen und unsere Lehren daraus ziehen.

Kann man nun Tschernobyl besuchen? Ja, nach meinem Verständnis geht das mit einem offiziellen Touranbieter und einer entsprechenden Haltung absolut in Ordnung.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Christian

    Lieber Gregor,
    ein sehr schön zu lesender Blogbeitrag, der Lust aufs Reisen macht! Tolle, gut recherchierte Hintergundinfos und eine spannende Reflektion zum Dark Tourismus, dazu habe ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht. Hast du noch ein paar Tipps mit welche Reisezielen in Kiew und Umgebung sich eine Reise gut verbinden lässt?
    Viele Grüße
    Christian

    1. Gregor Rahn

      Hallo Chistian, vielen Dank für deinen Kommentar und die warmen Worte! Du kannst gerne meinem gerade veröffentlichten Post zur Reise durch die Ukraine einige Hinweise entnehmen. Lviv ist mindestens zwei Tage wert und besonders toll habe ich die Karpatenukraine erlebt! Im Winter kann man tolle Schneeschuhwanderungen machen und ohne Schneebedeckung auch ohne Erfahrung den höchsten Berg der Ukraine, den Hoverla(2060m), besteigen. Das beste: Da fährt auch ein Zug hin! Viele Grüße, Gregor

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