Corona: Fernreise adé? Heimaturlaub olé!
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Corona: Fernreise adé? Heimaturlaub olé!

Die Menschheit zieht sich in ihre eigenen vier Wände zurück. 7,4 Milliarden Menschen leben auf diesem Planeten und alle sind aufgefordert, #socialdistancing zu praktizieren. Die Wirtschaft erlahmt, Jobs und Existenzen stehen auf der Kippe. Stürzen wir in eine langwierige Krise? Stand jetzt heißt es vor allem für den sehr hart getroffenen Tourismus erst einmal: Sorry, we’re closed!

Es gibt viele generelle Regnosen (Horx) und Prognosen (Zukunftsinstitut, Janszky und Harari) zu dem, was kommen mag – in der Post-Corona-Welt. Keiner weiß, wie es kommen wird, aber ich bin der Überzeugung: Jedem „Ende“ wohnt ein Anfang inne. Das ist nicht zynisch gemeint angesichts Millionen bedrohter wirtschaftlicher Existenzen im Tourismus: auch in Deutschland, wie dieser Hilferuf mittelständischer Reiseveranstalter zeigt. Nichtsdestotrotz gilt es nun, innezuhalten und sich darauf auszurichten, wie dieser Anfang aussehen kann.

Aufruf zur Diskussion um Tourismus und Corona

Lasst uns doch gemeinsam die Möglichkeit nutzen, inne zu halten und darüber nachzudenken, warum wir reisen und wie wir uns eine touristische Entwicklung wünschen. Wir Blogger*innen und Reisenden können diese Entwicklung lenken. Daher lade ich dich Individualreisenden, dich Wochenendausflügler und dich Reiseblogger*in dazu ein, mit mir und gemeinsam über Reisen und Tourismus nach Corona zu diskutieren.

Seit Oktober 2018 blogge ich in meiner Freizeit auf imostenwasneues.de zu Reisen in Ostdeutschland, Osteuropa und darüber hinaus. Ich beobachte das Marketing von Destinationen, die Blogger dieser Branche und sehe leider vor allem eines: zu wenig Bewegung in Richtung tiefgreifender, notwendiger Veränderungen in der Tourismuswirtschaft. Eine zuletzt bei Utopia erschienene Studie zu nachhaltigem Konsum zeigt deutlich auf: Nachhaltigkeit bei Reisenden steht noch ganz am Anfang. Vor allem das Wissen um Nachhaltigkeit beim Reisen war gering – und wenig nachgefragt. Immerhin: Eine wenige Jahre ältere Studie der Tourismusberatung BTE zeigt, dass die Sensibilisierung der deutschen Destinationsorganisationen für Nachhaltigkeit bereits fortgeschritten ist. 

Tourismus in Deutschland hat volkswirtschaftlich eine große Bedeutung und trägt insbesondere in ländlichen Räumen zur regionalen Wertschöpfung bei. Auch wenn die Tourismusbranche in jüngster Zeit vermehrt auf nachhaltige, touristische Angebote setzt: Noch sind diese nicht in der Breite vorhanden und ihr Anteil am Gesamtangebot ist nicht verlässlich zu belegen.

Adelphi research gemeinnützige GmbH zum Projekt: „Nachhaltiger Tourismus in Deutschland: Status-Quo und zukünftige Entwicklungen“

Meine Überlegung, bevor ich diesen Artikel überhaupt entworfen habe, war, dass sich das alles schon wieder legen wird. Ich werde im Juli eine Freundin in Armenien besuchen und alles geht seinen geregelten Gang. Es wäre schön, wenn etwas mehr Nachhaltigkeit in die Reisewelt getragen wird, weil alle mal ein wenig in sich gehen. Wird es das? Und wenn nicht, was steht dann im Raum? Schreibt doch gerne in die Kommentare, was eure Meinung zu dem Thema ist. Oder verfasst einen Beitrag zu diesem Thema, verlinkt mich in den sozialen Medien oder direkt diesen Beitrag. Lasst uns diskutieren und gemeinsam diese wichtige Debatte anstoßen!

Der Tourismus prä Corona

Alle verfügbaren Infos und Daten der Tourismuswirtschaft zeigen nur einen Trend: höher, weiter, schneller. Der Tourismus boomt und wächst ohne erkennbares – eigenes – Ende. Unglaubliche Wachstumszahlen katapultierten die Branche von gerade einmal 25 Millionen grenzüberschreitenden Reiseankünften im Jahr 1950 auf 1,4 Milliarden im Jahr 2018 – bei „nur“ einem Verfünffachen der Weltbevölkerung (UN World Tourism Organization). Die Größe des Wirtschaftszweigs zeigt sich auch in anderen Messgrößen: 319 Millionen Menschen (UNWTO) verdienen ihr täglich Brot im Tourismus. Das ist immerhin jeder zehnte Job, weltweit. Er macht auch einen Anteil von 52% am BIP der Malediven, 21% in Thailand und immerhin noch 15% in Österreich aus (UNWTO). Gleichzeitig führen uns verheerende Naturkatastrophen, politische Unruhen und Terrorismus die Volatilität der Branche vor Augen. Eine ganze Branche kann von jetzt auf morgen kollabieren.

Der Boom bedient die Nachfrage einer wachsenden, prosperierenden Mittelschicht auf der ganzen Welt. Ist das grundsätzlich schlecht? Nein. Man kann es auch mit dem Chef der TUI halten, dem größten Touristikkonzern der Welt, der behauptet, die meisten Regionen dieser Welt hätten ein Problem mit Undertourism. Damit spricht er an, dass sehr viele Länder und Regionen dieses Planeten noch immer unterdurchschnittlich besucht werden: zum Beispiel Kasachstan, Madagaskar oder Suriname. Gleichzeitig wünscht sich die Direktorin der Tourismuszentrale der Faröer Inseln lieber etwas weniger Touristen für ihr kleines Archipel im Atlantik.

Tausende Kilometer von vielem entfernt und bitterkalt: Auch der Baikalsee im sibirischen Winter lockt mehr und mehr Touristen auf seine gefrorene Oberfläche

Reisen als Menschenrecht

Ich würde gerne wegtreten von den nackten Zahlen und eine neue Perspektive aufmachen: „Reisen ist ein Menschenrecht“. Das sagte der Generalsekretär der Weltorganisation für Tourismus UNWTO, Dr. Taleb Rifai auf der Berliner ITB 2017. Grundsätzlich würde es wohl nur wenigen Menschen einfallen, anderen Menschen das Recht auf freie Bewegung abzusprechen. In einer Welt ungleich verteilter Ressourcen und Macht zwischen Nord und Süd ist aber vor allem wahr, dass man den richtigen Pass und das nötige Kleingeld haben solltee, um überhaupt reisen zu können. Dafür musst du nicht nach Somalia schauen. Auch in Deutschland konnten sich 2017 16% der Menschen keinen Wochenurlaub leisten, in der EU ganze 30%, so die Daten des europäischen Statistikamts.

Ich halte fest: Noch nie war es für so viele Menschen so einfach, die Welt zu erkunden und Kulturen zu entdecken. Weltweit haben Menschen sekundenschnellen Zugriff auf einen Mietwagen in Tirana, die Buchung einer Annapurna-Umrundung in Nepal oder eine Ferienwohnung auf Feuerland. Noch nie hatten so viele Menschen so viel Freizeit und so viel Vermögen, um es dem Reisen zu widmen. Reisen, das bedeutet Freiheit. So erzählen es uns alle: die Blogger, Freunde, Unternehmen und Destinationen. Hier kann ich mich verwirklichen. Tourismus scheint Friedensstifter, Völkerverständiger und Extremistenbesänftiger gleichzeitig zu sein. Und Arbeitgeber – wenn auch für meist wenig Geld.

Tourismus – nachhaltig und resilient?

„Als Tourismus ist Reisen […] eine industrialisierte Form der Weltanschauung geworden“, so schreibt es das Magazin fluter. Wir reisen im Sommer an den Strand, im Winter gehen wir in den Skiurlaub. Ja, der moderne Tourismus ist wahrlich zu einer industrialisierten Lebensweise mutiert. Und damit, mit seinen industriellen Ausmaßen, zerstört „er“ was er sucht: Ruhe, Abenteuer, Entspannung, Alltagsflucht. Daraus lässt sich Kapital schlagen: weltweit befinden sich viele Flughäfen im Bau und selbst die entlegene Antarktis wird massentauglich gemacht. Das ist alles andere als gut für unsere Klimaziele.

Doch mit einem Mal, ist alles aus: die Flughallen leer, das Hafenwasser ruhig, die Nationalparks ganz still. Auch die viele kleinteiligen Akteure der Tourismuswirtschaft, die sich für nachhaltigen Tourismus engagieren, stecken in arger Bedrängnis. Resilienz – die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, muss der Tourismus nun beweisen. Gibt diese Krise Anlass für neue, oder andere Entwicklungen des Gesamttrends? 

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Der Status Quo Corona

Leere Flughallen, leere Züge auf Sonntagsfahrplan, Inselverbot, leere Naturparks und Menschen in Kurzarbeit oder gar mit drohendem Existenzverlust sind die eine Seite. Delfine an der Kaimauer Cagliaris auf Sardinien sind die andere. Das Stillstehen vieler Wirtschaftszweige und insbesondere des Tourismus hat einen unverkennbar positiven Einfluss auf die Natur. Ausbleibende Störgeräusche durch Boote im Wasser oder wenige Menschen in den empfindlichen Ökosystemen der Bergregionen lassen die Flora und Fauna aufatmen. Doch auch das ist leider nicht so einfach wie gedacht, zeigen Grosjean, Dr. Schuler und Witsch.

Wir müssen uns unweigerlich die Frage stellen: Wie soll es in Post-Corona-Zeiten weitergehen? Kann es so weitergehen wie bisher? Steigen wir wieder in das Hamsterrad der Tourismusmaschine? Was lernen wir aus sichtbar werdenden Veränderungen in der Natur? Wie setzen wir als Reisende, Unternehmen und Destinationen das Gelernte um?

Um es noch einmal zu betonen: Viele Menschen verlieren derzeit ihre Jobs und/oder bangen um die Existenzgrundlage: Der Bergführer am Mount Kenya, das Reisebüro in Schwerin und die abertausenden philippinischen Matrosen auf den Kreuzfahrtschiffen dieser Welt. Einige wenige Staaten können es sich leisten, die Branche zu retten, doch die meisten leiden massiv – samt ihrer Familien. Die Geldgeber dieser Wirtschaftsform sind wir Reisenden, die ihr verdientes Geld weiterreichen und somit die Wirtschaftsform direkt lenken. Unser Geld bleibt gerade aus.

Tourismus in Post-Corona-Zeiten

Was wird noch 2020 geschehen? Wie wird sich der Tourismus verändern, wenn das Virus uns nicht mehr im Alltag einschränkt? Laut den zu Beginn schon verlinkten Prognosen Janszkys gibt es derzeit (Ende März) fünf Szenarien, wie sich der Rest des Jahres 2020 gestalten könnte (ich empfehle eingehend, die Szenarien zu lesen). Ich nehme aus den vorherigen Absätzen und den Szenarien mit, dass es sich mit grenzüberschreitendem Tourismus – vor allem über die EU hinaus – für 2020 erledigt hat. Nicht nur, weil Verbote gelten, sondern auch die Angst grassiert. 

Ich nehme aus den vorherigen Absätzen und Szenarien mit, dass es sich mit grenzüberschreitendem Tourismus – vor allem über die EU hinaus – für 2020 so gut wie erledigt hat.

Ob der BER überhaupt noch öffnen muss? Photo by Eric Prouzet on Unsplash

Hier meine Prognose für Deutschland:

  • Das Virus wird den Fernreisesommer 2020 verschlingen, aber die Menschen lassen sich ihren Urlaub nicht nehmen. Der Geldbeutel könnte aber enger sitzen.
  • Balkonien, die eigene Stadt, die eigene Region, das eigene Land und Nachbarstaaten werden intensiv erkundet und erleben einen wahrhaften „Frühling“.
  • Besonders die junge Generation, die sich meist für die weite Welt interessiert, entdeckt die reizvollen Landschaften Deutschlands und Zentraleuropas. 
  • Die deutschen Destinationsorganisationen gründen eine gemeinsame Post-Corona Initiative zur Förderung des inländischen Tourismus: Die Bevölkerung schwingt sich auf das Rad, setzt sich in den Bully, arbeitet auf dem Bauernhof mit und springt in seine Seen.
  • Viele zentraleuropäischen Gastwirte und Pensionen konnten dank der Zuwendungen des Staats überleben. So viel wie nie zuvor werden Pensionen von Heimaturlaubern gebucht und kleine Ausflugslokale leer getrunken.
  • Die in Deutschland schon tot geglaubte Couchsurfing-Community reaktiviert sich.
  • Der fast schon eingeschlafene Prozess der Tourismusstrategie Deutschlands wird zu Ende geführt und legt einen deutlichen Wert auf Nachhaltigkeit.
  • Die Deutsche Bahn reaktiviert Nachtzüge durch die ganze Republik – ok, man darf ja noch träumen dürfen.
Das Kloster Neuzelle in Brandenburg könnte sich 2020 sogar mehr Besucher erhoffen

Leider müssen wir auch Schattenseiten benennen, die über Deutschland hinausreichen:

  • Hotelketten, Airlines, Schiffsreisen, Safaris, Expeditionen und Reisebüros sind besonders stark von der eintretenden Wirtschaftskrise betroffen. Es kommt zu vielen Schließungen.
  • Die staatlichen Ausgaben für Naturschutz im globalen Süden sinken rapide, um das wenige Geld in den Gesundheitssektor zu lenken.
  • Viele Naturgebiete im globalen Süden leiden darunter, dass Menschen in ihrer Not vor geschützten Gebieten und ihren Ressourcen nicht Halt machen können.

Zusammenfassend halte ich in meiner persönlichen Prognose (und irgendwo auch Hoffnung) fest: Der nachhaltige Tourismus erlebt einen Aufstieg – wenn auch geographisch beschränkt. Viele Reisende besinnen sich – zwangsweise – auf ihre Heimat. Die touristischen Verbände und Akteure begeistern sich für eine sanfte Tourismusform, die sowohl deutsche Abenteurer als auch Familien befriedigt. Die viele Zeit zu Hause hat bei Reisefreudigen Dankbarkeit für das eigene Wohlergehen geprägt. Reisen ist wieder etwas Besonderes geworden. 

Auch Corona wird irgendwann und irgendwie vorbeigehen, aber das Virus wird einige Begleiterscheinungen für künftige Fernreisen mit sich bringen. Darüber kann ich nur spekulieren, aber der internationalen Reisebranchen stehen schwere Zeiten ins Haus.

Was meinst du? Wird es so kommen? Kannst du die Auswirkungen des Virus für Fernreisen in mittlerer Zukunft besser einschätzen? Habe ich etwas vergessen, ignoriert oder einfach nur geträumt? Lasst es uns alle wissen und lasst uns vor allem diskutieren!

Zu guter Letzt: Bleibt bitte alle gesund und schützt euch und eure Mitmenschen.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Manuel Liebig

    Sehr sehr guter Post ! Danke fürs Zusammenstellen und die Info bzgl. Hr. Janszky !

    1. Gregor Rahn

      Hallo Manuel. Vielen Dank für die warmen Worte. Das freut mich sehr. Ich gebe dir Recht, Hr. Janszky hat wirklich interessante Thesen angestellt. Bleib gesund!

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